Ich als Kratzer: John Turturros Körper und „The Night Of“

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Zu schade, dass es den beeindruckenden HBO-Mehrteiler „The Night Of“ noch nicht gab, als vor zwei Jahren das Zürcher Kino Xenix eine Retrospektive zu den Schauspiel- und Regie-Arbeiten John Turturros machte. Mein Argument im damaligen im Essay zur Filmreihe über die besondere Körperlichkeit Turturros und seine Spieltechnik als einer „Körper-Arbeit“ erscheint mir nun, nachdem wir ihn in seiner Rolle als an Ekzem leidendem Anwalt John Stone gesehen haben, nur noch treffender. Und die von Michel Serres entlehnte Theorie einer Subjektivität, die sich als zwar genau lokalisier- aber auch verschiebbarer Punkt auf dem Körper zeigt, scheint wie geschaffen, um die eigentlichen Höhepunkte von „The Night Of“ zu beschreiben.
Serres benutzt das Beispiel der Nagelschere, ob der man sich seiner Körperlichkeit bewusst wird als Spannung zwischen Subjekt und Objekt: „Ich schneide mir die Nägel. Wo entscheidet sich das Subjekt? […] Ich versetze mich in den Griff der Schere hinein, das „ich“ befindet sich nun dort und nicht in der Spitze des Zeigefingers. Der Nagel: unbeholfen vor der stählernen Schneide; die Hand: feinnervig und geschickt bei der Ausführung des Schnitts. Das Subjekt linke Hand bearbeitet das Objekt rechter Zeigefinger. Die linke Hand hat teil an mir, ist von Subjektivität durchdrungen; die rechte Hand ist Teil der Welt. Wenn ich die Schere in die andere Hand nehme, verändert sich alles, oder nichts verändert sich. Das „ich“ füllt meinen linken Finger ganz  und gar aus; dessen Nagel schmiegt sich zärtlich und schamlos an die scharfe Schneide, während der Griff der Schere, der nun in meiner rechten Hand liegt, ganz von mir verlassen ist.“ (Serres: Die fünf Sinne, 17-18)
In „The Night Of“ sind es die Essstäbchen, mit denen John Stone seine entzündeten Füsse kratzt, die zu einem solchen Instrument der Subjekt- und Objektivierung werden. Dabei ist das Ekzem nicht nur offensichtliche Metapher für Stones Sysyphos-Arbeit innerhalb eines Justizsystems, ob  dem man, buchstäblich, „aus der Haut fahren“ möchte. Das Kratzen mit den Stäbchen an den Füssen als Moment einer mikroskopischen Ich-Verschiebung, ist zugleich Sinnbild für das, worum sich die Serie auch im Grossen dreht: Was tun, wenn man sich selber nicht mehr erkennt. Kann man sich, von sich selbst abstossen? Die Geschichte von Stones Klient Nasir Khan, der – unschuldig? – des Mordes an einer jungen Frau verdächtigt wird, ist vor allem eine Geschichte darüber, wie wenig es braucht, das eigene „Ich“ zu verrücken. Die eigene Identität ist keine gefestigte Position, sondern ändert sich mit nur einer falschen Bewegung, auf den Strassen Manhattans ebenso, wie in den Zellen des Gefängnisses. An kleinsten Kratzern hängen nicht nur ganze Beweisketten, sondern nicht weniger als die eigene Existenz.

[Der frühere Kurz-Essay zu John Turturro findet sich hier: Körper-Arbeit. Zum Kino von und mit John Turturro]

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