Signal und Rauschen am Rio de Guancabamba

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In der dritten Auflage seines Buchs «Ansichten der Natur» von 1849 berichtet Alexander von Humboldt in seinen Beschreibungen der Reise durch Peru auch von der mehrfachen Überquerung des Rio de Guancabamba und der damit einhergehenden Gefahr:

«Der kleine kaum  120 bis 140 Fuß breite Gießbach was so reißend, daß unsere schwer beladenen Maulthiere oft Gefahr liefen in der Furth fortgerissen zu werden. Sie trugen unsre Manuscripte, unsre getrockneten Pflanzen, alles, was wir seit einem Jahr gesammelt hatten. Man harret dann am jenseitigen Ufer mit unbehaglicher Spannung, bis der lange Zug von 18 bis 20 Lastthieren der Gefahr entgangen ist.»

Im Strom des Flusses drohen die eigenen Schriften fortgeschwemmt werden. Umso interessanter ist es, wie unmittelbar auf diese Stelle Humboldt auch davon berichtet, wie eben dieser Fluss als Transportroute verwendet wird:

«Derselbe Rio de Guancabamba wird in seinem unteren Laufe, da wo er viele Wasserfälle hat, auf eine recht sonderbare Weise zur Correspondenz mit der Südsee-Küste benutzt. Um die wenigen Briefe, welche von Truxillo aus für die Provinz Jaen de Bracamoros bestimmt sind, schneller zu befördern, bedient man sich eines schwimmenden Postboten. Man nennt ihn im Lande el correo que nada. In zwei Tagen schwimmt der Postbote (gewöhnlich ein junger Indianer) von Pomahuaca bis Tomependa, erst auf dem Rio de Chamaya (so heißt der untere Theil des Rio de Guancabamba) und dann auf dem Amazonenstrome. Er legt die wenigen Briefe, die ihm anvertraut werden, sorgfältig in ein weites baumwollenes Tuch, das er turbanartig sich um den Kopf wickelt. Bei den Wasserfällen verläßt er den Fluß und umgeht sie durch das nahe Gebüsch. Damit er von dem langen Schwimmen weniger ermüde, umfaßt er oft mit einem Arm einen Bolzen von leichtem Holze (Ceiba, Palo de balsa) aus der Familie der Bombaceen. Auch wird der Schwimmende bisweilen von einem Freunde als Gesellschafter begleitet. Für den Proviant brauchen beide nicht zu sorgen, da sie in den zerstreuten, reichlich mit Fruchtbäumen umgebenen Hütten der schönen Huertas de Pucara und Cavico überall gastliche Aufnahme finden.
Der Fluß ist glücklicherweise frei von Krokodilen; sie werden auch in dem oberen Laufe des Amazonenstroms erst unterhalb der Katarakte von Mayasi angetroffen. Das träge Untier liebt die ruhigeren Wasser.»

Exemplarisch führt diese (auch als Kupferstich festgehaltene) Szene Humboldt als Forscher vor, der den einzelnen Untersuchungsgegenstand nicht isoliert, sondern als in lauter Interaktionen eingebettet sieht und dem es darum geht, «Erscheinungen der körperlichen Dinge in ihrem allgemeinen Zusammenhange, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganze aufzufassen», wie es später in der Vorrede seines «Kosmos» programmatisch heisst,

Der Fluss, dessen Gefälle, Besiedlung und Bewuchs Humboldt beschreiben wird, ist neben Naturerscheinung unweigerlich auch Kommunikationskanal, dessen reibungsloses Funktionieren freilich ohne fatale Kehrseite nicht zu haben ist: Dass auf dem Fluss Briefe erfolgreich transportiert werden ist nur das Gegenstück davon, dass er auch ganz ungewollt Manuskripte wegschwemmen könnte. Im Rio de Guancabamba fliessen Signal und Rauschen immer schon zusammen. Und auch sonst ist die Beschreibung medientheoretisch instruktiv: die Botschaft auf Papier, wird in Stoff aus Baumwolle und dieser wiederum um den Kopf der schwimmenden Boten gewickelt, welche sich ihrerseits an Holzstücken festhalten. Kein Wunder vermochte Humboldt sich bei seiner Forschung nie auf ein einziges Gebiet beschränken, weil ihm viel zu offensichtlich war, wie alles zusammenhängt: Der Turban als Kopfputz ist zugleich Briefkasten und die vom Botaniker zu bestimmende Baumsorte am Ufer zugleich Schwimmhilfe, also Medium. Auch die weiteren Informationen zu Fauna, Flora und menschlicher Besiedlung der Umgebung sind nicht nur je für den Zoologen, Botaniker und Anthropologen interessant, sondern auch im Bezug aufeinander und auf die schwimmende Post wesentlich: ohne mitagierende Akteure wie Fruchtbäume, grosszügige Anwohner und fehlende Krokodile lassen sich auch Briefe nicht verschicken.
Am Rio de Guancabamba wie auch sonst auf seinen Reisen beschreibt Alexander von Humboldt die Welt nicht als Sammlung von Einzelheiten, sondern als Netzwerk. Darin, und weniger in den jeweiligen einzelnen Forschungsdaten bestand seine Innovation.

Alexander von Humboldt: Ansichten der Natur, mit wissenschaftlichen Erläuterungen [1849]. Nördlingen: Franz Greno 1986, S. 445-446.
Bild aus: Alexander von Humboldt: Das graphische Gesamtwerk. Darmstadt: Lambert Schneider 2014,  S. 87.