Stadt aus Wellen. San Francisco im Film.

Neue Zürcher Zeitung, 19.5.2014, S. 19

Seit zehn Jahren sind Zürich und San Francisco Schwesterstädte: Für das Filmpodium ein willkommener Anlass, in einer Retrospektive die schöne Stadt am Pazifik und ihre vielen filmischen Gesichter zu feiern.

Diese Stadt ist selber schon grosses Kino. Vom Erdbeben, das 1906 drei Viertel der Metropole zerstört hat, bis zu den Schocks, welche die hier florierende Gegenkultur in den Rest der Welt aussendet: Eruptionen prägen San Franciscos Geschichte, geologisch, politisch und kulturell. Und so wie ihre Topografie voller Wellen ist, betont sie auch sonst stolz ihre Unebenheiten und Abweichungen von der Normalität.

San Francisco ist die Stadt der Bewegung, in jeder Hinsicht, und eignet sich wohl gerade deswegen so besonders als Sujet für das bewegte Bild. Denn so wie der Film ein besonderes Faible für gerade diese Stadt hegt, ist sie selber Fortsetzung des Kinos mit urbanen Mitteln. Wenn im letzten Akt von Peter Bogdanovichs furiosem «What’s Up, Doc?» die läppischen Protagonisten die Hügel von San Francisco hinunterkullern, gibt bereits das Strassengefälle dieser furiosen Screwball-Comedy den letzten Dreh. Und wenn Steve McQueen in «Bullit» durch die Stadt rast, hebt sein Wagen wegen der Buckelpiste ab und damit auch die Action.

Die Spiralen aus dem Filmvorspann von Alfred Hitchcocks «Vertigo» setzen sich fort in der gewellten Landschaft San Franciscos, durch die James Stewart als hilfloser Detektiv auf seinen Verfolgungsfahrten kurvt, ohne zu wissen, wohin es geht. Mäandernd, sowohl in der Vertikalen wie der Horizontalen, kann der Detektiv schlechterdings nicht anders, als die Orientierung derart zu verlieren, dass er bald nicht einmal zwischen Tod und Leben wird unterscheiden können.

Der titelgebende Schwindel, der unseren Helden unaufhaltsam verschlingt, ist mithin auch ein durch die Stadt hervorgerufenes Phänomen, so wie umgekehrt deren Bauwerke zu kommentieren scheinen, was in der Story des Films passiert. Sie habe nur anhand des Coit Tower (eines der Wahrzeichen der Stadt) rekonstruieren können, wo er sie letzte Nacht hingebracht habe, sagt an einer Stelle Kim Novak zu James Stewart, und der Zuschauer kann sich eines Schmunzelns nicht erwehren: Der Name des Turms besagt, was der Film nur andeuten darf – er ist Mahnmal für einen verbotenen Koitus. Wer aufmerksam hinschaut, wird ein ähnliches Spiel übrigens bereits in W. S. Van Dykes unterschätztem Melodram «San Francisco» entdecken: Dort fungiert gar das grosse Erdbeben von 1906 als Metapher für erotische Beunruhigung. Wenn Clark Gable scheppernd den Bettel vor die Frau hinschmeisst, die ihn verschmäht, beginnen darauf sogleich die ganzen Gebäude zu zittern und einzustürzen. Es ist, als würde der Tremor des unterdrückten Begehrens die ganze Stadt ergreifen. Die zusammenbrechenden Gebäude agieren aus, wovor die Figuren noch zurückschrecken.

Die Stadt freilich war und ist berühmt dafür, dass hier ausgelebt wird, wovon im Rest Amerikas lange niemand zu sprechen sich traute. In den fünfziger Jahren wird San Francisco zum Fluchtpunkt der Beat-Poeten, wie man es in Filmen wie jüngst der Allen-Ginsberg-Hommage «Howl» oder der Jack-Kerouac-Adaption «Big Sur» nachschauen kann. Und nach den Beatniks finden die mit Blumen im Haar geschmückten Hippies der sechziger Jahre hier zugleich Heimat und «Love-in», wie es Scott McKenzie in seinem San-Francisco-Song besingt.

Passend ist es darum auch, dass in der amerikanischen Verfilmung des Thrillers «The Laughing Policeman» des Autorenduos Maj Sjöwall und Per Wahlöö der Schauplatz ausgerechnet hierher verlegt wird. Die bekennenden Marxisten Sjöwall und Wahlöö träumen auch in ihren sozialkritischen Krimis von einer weniger engstirnigen, offeneren Gesellschaft. Ihrem antiautoritären Kommissar Beck dürfte es hier unter den Freaks am Pazifik wohler sein als in seiner eigentlichen Heimat Stockholm.

So wie das Stadtgelände nicht eben verläuft, findet in San Francisco all das zusammen, was ebenfalls nicht «straight» ist, sondern «queer» in jedem Sinne des Wortes – eigenwillige Querdenker, wie der schwule Stadtrat und grosse politische Reformator Harvey Milk, dessen Leben und Sterben Gus Van Sant vor ein paar Jahren verfilmt hat, lebende Legenden, wie die schwule Sex-Ikone Peter Berling oder auch ein obsessiver Kauz wie der Comiczeichner Robert Crumb, den Terry Zwigoff 1994 fürs Kino in Szene setzte.

Niemand hat indes diese wundersame Gemeinschaft schräger Vögel so hinreissend porträtiert wie San Franciscos grosser Chronist und Demograf Armistead Maupin. In seinen, zuerst in den Siebzigern als Kolumnen für den «San Francisco Chronicle» erschienenen, «Tales of the City» landet die naive Mary Ann Singleton aus Cleveland im Haus der exzentrischen, zwischen den Geschlechtern changierenden und leidenschaftlich kiffenden Anna Madrigal und ihrer Mieter. Zunächst heillos überfordert von dieser Wohngemeinschaft unter Aussenseitern jeglicher Couleur und sexueller Präferenz, träumt Mary Ann lange davon, hier ihre grosse Liebe zu finden, bis sie erkennt, dass sie diese in der Stadt selbst längst gefunden hat.

So wie Mary Ann, so haben sich wegen Armistead Maupins Romanen Leser auf der ganzen Welt in die Stadt verliebt, und ob der kongenialen Fernsehadaption von 1992 sind es nur noch mehr geworden. Ob sie etwas gegen Haustiere habe, fragt an einer Stelle Mary Ann ihre Vermieterin Mrs. Madrigal, und diese antwortet: «Dear, I have no objection to anything.» Das ist das Versprechen der Stadt. Einwände und Vorurteile halten ihnen nicht stand, den Wellen San Franciscos.

© Johannes Binotto

Zürich, Filmpodium, bis 26. Juni.

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