De-Monstration: John Carpenter mit Louis Althusser

eine gekürzte Version dieses Artikels erschien in der WOZ 30.6.2016, S. 17 (siehe PDF) ///

Carpenter_Woz_CoverIn John Carpenters „They Live“ von 1988 findet der in den Slums von Los Angeles herumziehende Tagelöhner John Nada im Verschlag einer Untergrundbewegung einen Karton Sonnenbrillen, mit denen man hinter die Fassaden der Konsumwelt blicken kann. Auf Zeitschriftencovern, Werbebannern und Fernsehschirmen sieht Nada nun deren eigentliche Botschaften prangen: „Gehorche!“, „Konsumiere!“, „Reproduziere!“, „Schlafe weiter!“ steht in fetten Lettern, wo der unbebrillte Blick nur Nachrichten und Werbung sah. Und die Dollarnoten zeigen statt dem Konterfei der Präsidenten einzig den Satz „This is your god!“. Und schliesslich entpuppen sich auch die Mächtigen im Blick durch die Brille als das, was sie eigentlich sind: Aliens mit Totenkopffratzen. Der Banker, der neben dir am Kiosk steht oder die reiche Dame im Supermarkt – alles lauter Monster um uns herum. Um dies als Allegorie auf den US-amerikanischen Kapitalismus der Reagan-Ära und deren republikanische Elitevertreter zu erkennen, brauchte der Kinozuschauer freilich keine besondere Brille. Gewiss, Carpenters Kritik ist so hemdsärmlig, wie sein lumpenproletarischer Protagonist, doch genau in solcher Krudheit steckt die immer noch ungebrochene Brisanz seiner Filme. Dass das Horrorkino ein zutiefst politisches Genre sei, darauf hat unlängst Guillermo del Toro im Zusammenhang mit „Pan’s Labyrinth“, seinem als Alptraum-Märchen getarnten Portrait des franquistischen Spanien wieder hingewiesen. Die systemkritischen Regisseure aus Carpenters Generation, wie Wes Craven, George Romero oder David Cronenberg hatten dies seit den Siebzigerjahren immer schon vorgeführt. Gerade weil der Horrorfilm von der ernsthaften Kritik so gerne als niederer Nervenkitzel übersehen wird, bietet er Freiräume, welche den respektableren Regisseuren verwehrt sind. So konnte etwa George Romero mit seinem „Land of the Dead“ einen so ätzenden Film über sozio-ökonomische Ausbeutung und Klassenkampf in den Nullerjahren machen, schlicht indem er die unterdrückten Arbeiter als Zombies verkleidet hat. Ähnlich dienen John Carpenter die Versatzstücke des Horrorfilms als Mittel einer anarchistischen Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Carpenters Monstren sind somit wörtlich zu nehmen: sie dienen der Demonstration, durchaus auch im Sinne der politischen Agitation. So erweist sich in „Christine“ denn auch ausgerechnet das Automobil, dieses Statussymbol und Verkörperung amerikanischer Fortschrittshoffnung als mordendes Monstrum. „Life’s a highway“ singt Bruce Springsteen, „aber der Highway ist eine Geisterbahn“ fügt Carpenter hinzu. So wie die Brille in „They Live“ sind Carpenters Horrorwesen schlicht Medien, die erlauben, eine systemische Gewalt aufzudecken, die hinter den properen Fassaden der Alltagskultur lauern. Wenn Carpenter in einem Interview bemerkt, das er bis heute insbesondere von Obdachlosen auf seinen Film „Prince of Darkness“ angesprochen wird, so wohl vor allem deswegen, weil sich diese in jenen verlorenen Figuren wiedererkennen, die dazu verdammt sind, als Knechte Satans um jene verlassene Kirche zu streichen, in welcher der Film spielt. Gibt es ein schockierenderes Sinnbild für das Elend der Randständigen, als jene Grossaufnahme des Kaffeebechers, den die zerlumpte Frau dem Priester entgegenstreckt und in dem sich keine Almosen, sondern nur Dreck und Maden befinden? Jene, die man heute im englischen „disenfranchised“ nennt, denen die bessere Gesellschaft ihre Bürgerrechte entzogen und sie gänzlich an den Rand verdrängt hat, kehren in Carpenters Filmen wieder, camoufliert und doch gut erkennbar hinter „Halloween“-Hockeymaske und „The Fog“-Nebelschwaden. Die grundlegende These Louis Althussers, wonach politische Ideologien nicht etwa abstrakte Denkgebäude, sondern materielle, handfeste Erscheinungen sind, die sich in konkreten Praktiken zeigen, wird bei Carpenter in exzessiven Bildern ausbuchstabiert. Seine Kritiker haben das als Pornographie des Ekelerregenden verkannt. Tatsächlich aber erweisen sich etwa die zügellosen visual effects in Carpenters wohl schmerzhaftestem Flop, dem Film „The Thing“, als eigentliche monströse Demonstration jenes Klimas der Paranoia, um die es dem Film eigentlich geht. Das titelgebende Ding ohne Namen, das andauernd seine Form verwandelt und alles sich einverleiben vermag, das sich ihm in den Weg stellt – es ist nichts anders als materialisierte Ideologie, wuchernde Verkörperung imperialer Hegemonie-Ansprüche, wie auch der damit einhergehenden Verlustängste. Kurz nach Spielbergs „E.T.“ in die Kinos gekommen, zeigt der direkte Vergleich mit dem familienfreundlichen Blockbuster nur noch schärfer, warum Kritik und Publikum „The Thing“ so wenig goutiert haben. Denn während Spielbergs freundlicher Ausserirdischer letztlich nur dazu dient, den kindlichen Glauben ans amerikanische „Home“ zu restaurieren, höhlt Carpenters Ding solche Fantasien restlos aus. Aus heutiger Perspektive erweist sich freilich Carpenters Vision als möglicherweise hellsichtiger und sein fatalistischer Schlusssatz „Why don’t we just wait here for a while and see what happens“ könnte auch gut als Beschreibung jener Ratlosigkeit dienen, die einen angesichts gegenwärtig um sich beissender Ideologien ergreift. in diesen Tagen findet man auf Twitter wieder Bilder, die sich an „They Live“ anlehnen, mit einem Totenkopf-Zombie mit blondem Toupet. Carpenters Demonstrationen sind wohl leider nötiger denn je.