Der Blick zurück. Chris Markers Abschied vom Kino.

Neue Zürcher Zeitung 13.03.2008, S. 60 ✺

Er ist Schriftsteller, Reisender, Regisseur, Fotograf, Computerprogrammierer, Forscher, Kritiker, Archivar, Aktivist und noch vieles mehr. Doch auf seiner Visitenkarte dürfte nur stehen: «Chris Marker, Bricoleur». Mit dem despektierlichen Begriff «Bastler» ist die Profession dieses kreativen Tausendsassa freilich nur ungenau beschrieben. Chris Markers Versuche mit immer neuen Materialien sind nicht nur verspielte Basteleien, sondern auch Forschung und Experiment. «Bricollage» ist dieses Werk aber auch in dem Sinne, als alle seine heterogenen Einzelteile zusammenhängen, zusammenkleben: Das ganze Œuvre ist eine Collage.

Der Bricoleur

Das Museum für Gestaltung widmet dem Bricoleur Chris Marker bis Ende Juni eine grosse Ausstellung, und das Filmpodium wird zudem im April und Mai seine Filme zeigen. Dabei ist bereits die Tatsache, dass diese Ausstellung zustande gekommen ist, eine Sensation, denn noch nie hat Marker verschiedene seiner Werke zusammen ausstellen lassen. Die Verweigerungshaltung des mittlerweile 87-Jährigen ist legendär: Er gibt keine Interviews und lässt sich nicht fotografieren, über seine Geburtsdaten und seinen bürgerlichen Namen ist man sich nicht sicher. Marker ist immer woanders und immer ein anderer. Kein Wunder, ist ein geordneter Überblick übers Lebenswerk seine Sache nicht. Trotzdem darf man die Ausstellung – die der Kurator Andres Janser zusammen mit Chris Marker konzipiert hat – mit Fug und Recht eine Retrospektive nennen: wörtlich ein Zurück-Schauen.

In Markers Filmessay «Sans Soleil» gibt es die Aufnahme einer Frau, die der Kamera konstant ausweicht, bis sich ihr Blick schliesslich doch – für den Bruchteil einer Sekunde – mit jenem des Kamera-Auges kreuzt: ein Moment der gegenseitigen Anerkennung, der gerade in seiner Kürze so elektrisierend wirkt. Immer wieder hat Marker in Filmen, Fotografien und Installationen jenen Moment einzufangen versucht, wo das Angeschaute unvermittelt zurückschaut. In «Staring Back», einem der Exponate der Ausstellung, sind zwei einander gegenüberliegende Wände mit Fotografien und Filmstills behängt. Auf der einen Wand erwidern die abgebildeten Menschen den Blick der Kamera, auf der andern nicht. Doch dieser erste Eindruck trügt: Jene zweite Wand dokumentiert Pariser Demonstrationen wie jene gegen den Algerienkrieg 1962, Unruhen des Mai 1968 oder die Proteste nach dem Wahlerfolg des Front National im Jahr 2002. Die Menschen schauen zwar nicht in die Kamera, Markers Bilder aber blicken doch: «Ça nous regarde» – so heisst es auf Französisch wunderbar doppeldeutig – «Das schaut uns an», aber auch «Das geht uns etwas an».

Auf etwas, was den Künstler selbst auf seinen Bildern angeht und anschaut, weist dieser selbst hin. Es ist ein frisch gepflanzter Baum auf dem Balkon der Place de la République, der hinter einer Demonstration gegen den Algerienkrieg zu sehen ist. Vierzig Jahre später fotografiert Chris Marker dieselbe Stelle und schreibt dazu: «In der Zwischenzeit bin ich in Japan gewesen, in Korea, Bolivien, Chile. Ich habe Studenten in Guinea-Bissau gefilmt, Sanitäter im Kosovo, bosnische Flüchtlinge, brasilianische Aktivisten, Tiere überall. Ich habe den Film gegen Video eingetauscht, und Video gegen den Computer. Der Baum auf dem Balkon, in der Mitte, ist gewachsen, nur ein bisschen. In diesen wenigen Zentimetern, vierzig Jahre meines Lebens.»

Das Ende, ein Anfang

In dieser lakonischen Bemerkung steckt zweierlei: die Einsicht in die Vergeblichkeit des Bildermachens, aber auch die Erfahrung, dass in den Bildern urplötzlich, gleichsam als Epiphanie die Zeit selbst sich zeigen kann. In seinem berühmten Kurzfilm «La Jetée» erinnert sich ein Zeitreisender an das Bild seines eigenen Todes. Das Sterben – so wird einem überwältigend klar gemacht – ist auch ein Anfang. Darum mag man auch in dieser Retrospektive trotz ihrem melancholischen Titel, «Abschied vom Kino», nicht an ein Ende denken. Der Blick zurück ist bei Chris Marker immer auch ein Blick in die Zukunft.

© Johannes Binotto

Ausstellung «Abschied vom Kino» bis 29. Juni, Museum für Gestaltung (Ausstellungsstr. 60). – Begleitprogramm: http://www.museum-gestaltung.ch.

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