Die Welt als Puppenhaus. Zu den Filmen von Wes Anderson.

Neue Zürcher Zeitung 31.10.2012, S. 21 ✺

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Nur gerade sieben Filme hat der Regisseur und Autor Wes Anderson bisher gemacht, damit aber ein einzigartiges Œuvre geschaffen. Das Xenix zeigt diese melancholischen und verspielten Kunstwerke, zusammen mit Filmen, die als Inspiration dienten.

In alten Filmen sieht man es manchmal: Da geht eine Figur von einem Zimmer ins andere, und die Kamera fährt mit. Doch der Filmapparat geht nicht durch die Tür, wie es sich gehören würde, sondern kurvt um die Kulissen des Filmsets herum. Das wirkt, als wären die Räume des Films bloss Kammern in einem Puppenhaus und das sind sie ja in Wahrheit auch. Der Film ist eine Setzkastenwelt ohne Aussenwand, nach vorne offen, damit man überall gut hineinschauen kann. Heute freilich hat es niemand mehr nötig, so zu filmen. Längst sind die Kameras agil genug, dass auch in geschlossenen Räumen gedreht werden kann. Das Resultat mag zwar realistischer ausschauen, das Kino aber bringt sich damit um zauberhafte Momente.

Vollgepackte Schauplätze

Einer, der das erkannt hat, ist der amerikanische Filmemacher Wes Anderson, dem das Kino Xenix diesen Monat eine grosse Reihe widmet, die nicht nur dessen eigene Filme zeigt, sondern auch solche, die ihn inspiriert haben. Bei Anderson findet man sie noch, die filmischen Puppenhauswelten. In seinem jüngsten Film «Moonrise Kingdom» gleitet unser Blick der unsichtbaren Hauswand entlang und sieht, was eine Familie so des Abends in ihren verschiedenen Zimmern macht. Das ist, als hätte man vor sich eines jener Bilderbücher mit Türchen zum Aufklappen. Und in «The Life Aquatic with Steve Zissou» wird gar ein ganzes Schiff aufgeschnitten, damit der Zuschauer einen besseren Überblick erhält. Doch wird man diesen trotzdem sogleich verlieren, wegen der vielen Details, die auf den Filmbildern versteckt sind. Mit ihren vollgepackten Schauplätzen, wo es mit jedem farbigen Schnürsenkel und dem kleinsten Fetzelchen Tapete seine besondere Bewandtnis hat, möchte man jede einzelne Aufnahme des Films sogleich rahmen und an die Wand hängen. Ein Kino ist das wie jene Wimmelbilder, welche Kinder stundenlang bestaunen können, um dann bei jeder neu entdeckten Kleinigkeit leise zu kichern.

Tatsächlich liebt Wes Anderson die kindliche Perspektive im konkreten ebenso wie im übertragenen Sinne. Seine Erzählungen handeln alle von Söhnen und Töchtern, die selbst als Erwachsene nie ganz ihren Kinderkleidern entwachsen können, so wie Edward Norton aus «Moonrise Kingdom» in Pfadfinderuniform oder Ben Stiller in «The Royal Tenenbaums», der denselben roten Trainingsanzug trägt wie seine beiden Söhne. Auch wo die Grösseren schon selber Kinder bekommen haben, sind sie Kindsköpfe geblieben wie etwa der verschrobene Tiefseetaucher Steve Zissou, der seinen Vaterpflichten nicht nachkommt, oder der Fuchsvater im Animationsfilm «The Fantastic Mr. Fox», der das Stibitzen nicht lassen kann. Im Gegenzug geben sich die einsamen Kleinen altklug und abgeklärt, tragen Mützen, Handtaschen und karierte Bademäntel, als wären sie alte Damen und Herren. Unübertroffener Held all dieser zwischen den Lebensaltern schlingernden Figuren ist gewiss der fünfzehnjährige Max Fischer in Andersons Meisterwerk «Rushmore». Max ist Schülerzeitungsverleger, Französischklub-Präsident, Russland-Vertreter in der Kinder-Uno, Vize im Briefmarken- und Numismatikerverein, Debattierklub-Kapitän, Gründer sowohl des Astronomie- wie des Völkerball-Teams, Fechter, Zehnkämpfer, Träger des gelben Judo-Gurtes, zweiter Chormeister und Präsident der Kalligrafie-Gruppe. Für die Hauptfächer aber fehlt ihm der Geist. Dafür ist jeder Aufwand recht, um die Lehrerin zu verführen. Nachts steigt er bei ihr ein und bringt auch gleich eine Kassette mit französischen Chansons mit, um für erotische Stimmung zu sorgen.

Grössenwahn und Depression

Doch so absurd, wie der hochtrabende Jungspund anmuten sollte, ist er gar nicht. Zärtlich ruft der Regisseur in Erinnerung, dass auch wir in dem Alter unentwegt zwischen Grössenwahn und Depression pendelten. Wie von einem vorwitzigen Kind gemacht, sind Andersons Filme trotzdem nicht, was wir unter Kinderfilmen verstehen. Die heitere Melancholie, auf welche sich der Filmemacher so gut versteht, hat abgründige Ursachen. Die kuriosen Spleens der Charaktere sind Symptome einer versehrten Seele. Mit Vorliebe beginnen und enden Wes Andersons Filme mit dem Tod geliebter Menschen, mit Verlusten schrecklichster Art, mit denen die Figuren nicht zurande kommen. Doch der Regisseur liebt seine Geschöpfe viel zu sehr, um sie darin umkommen zu lassen. Stattdessen schenkt er ihnen die Gnade eines bittersüssen Happy Ends, wo von den Figuren abfällt, was sie sonst so niederdrückt, so wie bei den drei Brüdern in «Darjeeling Limited», welche ihr Gepäck wegwerfen, um doch noch den Zug des Lebens zu erwischen. Und wer genau hinschaut, der wird im Schlussbild von «Life Aquatic» auch noch jene Figur entdecken, die eben erst verstorben war. In der Puppenhauswelt, wo die Häuser keine Wände haben, hat auch der Tod nicht das letzte Wort. Was uns in der schalen Realität versagt bleibt, darf in der Wunderwelt des Kinos nicht unmöglich sein.


Zürich, Kino Xenix, bis 28. 11. (www.xenix.ch).

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