Allein sein können: Winnicott & Totoro

[…] In seinem wenig bekannten Aufsatz The Capacity To Be Alone schreibt der englische Kinderpsychoanalytiker Donald Winnicott über die Fähigkeit, allein zu sein, als einer der zentralen Errungenschaften in der Entwicklung des Kindes. Indes geht es ihm hier um eine ganz besondere, ja paradoxe Form des Alleinseins: das Alleinsein in Anwesenheit eines anderen. Die Fähigkeit, für sich zu sein, während die Mutter sich noch im selben Raum aufhält, ist für Winnicott eine der notwendigen Voraussetzungen, um später auch grössere Trennungen verkraften zu können. Zu wissen, dass die Bezugsperson da ist, ohne sich dabei immer ihrer Gegenwart vergewissern zu müssen, ermöglicht erst die Versenkung ins Spiel und damit auch die Erschaffung einer eigenen, inneren Welt. Das bedeutet aber umgekehrt auch, dass Menschen, die zwar durchaus real allein sind, mitunter trotzdem unfähig sein können, allein zu sein. Auch ein Gefangener im Gefängnis, obwohl real isoliert, hat vielleicht trotzdem nie die Fähigkeit erlangt, allein zu sein, was seine Gefangenschaft wohl nur noch schrecklicher macht (vgl. Winnicott 1965, S. 30).

Allein sein zu können, hat somit weniger mit einem Verlust als vielmehr mit einer Befähigung zu tun. Die Möglichkeit, bei sich selbst sein zu können, ohne dabei gestört zu werden, ist ein Geschenk, keine Versagung. Alleinsein darf somit auch nicht verwechselt werden mit Verlassensein. Vielmehr sind die beiden Zustände Gegensätze. Das Alleinsein wird nur möglich dort, wo man nicht verlassen ist, sondern man um die Anwesenheit der Bezugsperson weiss. Erst wenn man gelernt hat, allein zu sein, kann man später auch verkraften, verlassen zu werden.

Das Alleinseinkönnen stellt denn auch das Subjekt nicht in Frage, sondern bestätigt es. Das zeigt sich bereits auf sprachlicher Ebene in einer Aussage wie »Ich bin allein«. Winnicott weist darauf hin, dass im Satz »Ich bin allein« bereits der Satz »Ich bin« steckt. Nur wer sagen kann »Ich bin«, kann später auch sagen »Ich bin allein«. Die Gewissheit des eigenen Ichs ist Bedingung, um überhaupt allein sein zu können. Die Herausbildung des Ichs, die zunächst durch die kontinuierliche Existenz einer verlässlichen Mutter (oder Vaters) ermöglicht wird, endet demnach nicht, sondern setzt sich fort in der Fähigkeit, allein zu sein: »I consider, however, that ›I am alone‹ is a development from ›I am‹, dependent on the infant’s awareness of the continued existence of a reliable mother whose reliability makes it possible for the infant to be alone and to enjoy being alone, for a limited period.« (Winnicott 1965, S. 33)

Damit äussert Winnicott implizit auch eine Kritik an jenen Formen der Überbehütung und andauernden Unterhaltung, wie man sie so gerne als Zeichen besonderer elterlicher Liebe missversteht. Wer sein Kind nicht allein lässt, sondern es immerzu belagert, es mit immer neuen Ablenkungen bespielt und animiert, ist gar nicht wirklich grosszügig, sondern eigentlich geizig: Man bestiehlt das Kind, man enthält ihm den eigenen Raum das Alleinseins vor.

Tonari no Totoro von Hayao Miyazaki ist ein Film über das Alleinsein und ein Film gerade darüber, wie das Alleinseinkönnen einen befähigt, auch dessen beängstigendes Gegenteil, die Gefahr des Verlassenwerdens, zu ertragen. Tatsächlich beginnt der Film mit einem drohenden Verlust: Die Mutter der beiden Kinder Satsuki und Mei fehlt. Eine Krankheit, deren genaue Form uns Zuschauern genau so unerklärt bleibt wie den beiden Kindern, hat die Mutter aus der Familie gerissen und zwingt sie, ihre beiden Kinder allein zu lassen. Natürlich lauert hinter diesem temporären Verlust die Angst vor einem endgültigen: Es wäre gut möglich, dass die Mutter nie mehr heimkehrt.

Doch der Vater ist da, als einer, der bei den Kindern ist und ihnen zugleich genügend Raum gibt, allein zu sein. Beim Einzug ins neue Haus sind es die beiden Kinder, die allein und ohne ihren Vater das Gebäude und seine Geheimnisse erkunden. Und später, während er über seine Bücher gebeugt arbeitet, streift die kleinere der beiden Töchter durch den grossen Garten, und es ist ausgerechnet bei diesem Spiel, dass sie in der Höhlung eines riesigen Baumes dem Fabelwesen Totoro begegnet. Totoro, das Wesen, das nicht spricht, sondern nur brummt und brüllt, das riesig ist und flauschig und rätselhaft, ist seinerseits eine Figur, welche die Kinder allein sein lässt. So tröstend seine Anwesenheit auch ist, so zurückhaltend ist dieses Wunderwesen zugleich. Es lässt den Kindern Raum, anstatt sie zu vereinnahmen. So hat Regisseur Miyazaki auch in Interviews darauf hingewiesen, wie wichtig es ihm war zu zeigen, dass Totoro auch eine gewisse Distanz zu den Kindern behält: »I thought he shouldn’t appear too much. I had also decided strictly against having scenes where Totoro sympathizes with Satsuki because she is sad.« (Miyazaki 2009, S. 361) Wenn in einer Szene die beiden Kinder sich an Totoro festklammern und mit ihm des Nachts über die Felder fliegen, ist es nicht so, dass Totoro explizit für sie fliegt, als vielmehr so, dass sie ihn begleiten dürfen bei dem, was er ohnehin tun würde. Nicht Totoro packt die Kinder, sie halten sich selbst an ihm fest. Die Nuance ist subtil und zugleich doch entscheidend.

In einer der magischsten und berühmtesten Szenen des Films warten die beiden Kinder an der Bushaltestelle im Wald auf die Rückkehr ihres Vaters von der Universität. Es wird dunkel, es regnet, der Vater verspätet sich, die kleine Mei beginnt einzuschlafen, so dass ihre grosse Schwester sie Huckepack nimmt. Doch allmählich droht das Warten unheimlich zu werden. Da taucht der riesige Totoro auf und stellt sich ebenfalls an die Bushaltestelle. Still steht er neben den Kindern, und wenn Satsuki ihn fragt, ob er Totoro sei, lässt er nur ein sanftes Miauen hören. Das Mädchen leiht ihm darauf einen Schirm, den das Wesen verwundert anschaut, sich über den Kopf hält und sich freut über das Geräusch, das die schweren Tropfen auf dem Schirm machen. Totoro ist ganz versunken in sein Spiel mit dem Schirm, so dass sich die Verhältnisse unversehens umdrehen: Nicht nur, dass er die Kinder allein sein lässt, auch sie lassen ihn allein. […]

in: Yvonne Frenzel Ganz, Markus Fäh (Hg.): Cinépassion – The Sequel, Giessen: Psychosozial Verlag 2016, S.  123-129.