Punktförmiges D/denken. Veränderte Wahrnehmung in, auf, durch Yves Netzhammers Zeichnungen.

Ein Experiment: Man male zwei Punkte auf ein Blatt. Nun halte man sich das rechte Auge zu und fixiere mit dem offenen den rechten Punkt und dabei beuge man sich vorsichtig über das Blatt, suche die richtige Distanz und plötzlich wird man merken, dass man den rechten Punkt zwar weiterhin sieht, der linke aber verschwunden ist. Blinder Fleck – so nennt man jenen Knotenpunkt im menschlichen Auge, den man mit diesem Experiment sichtbar (oder eher: unsichtbar) macht. Im blinden Fleck gehen die Nerven zusammen, bündeln sich, um aus der Pupille hinaus nach hinten in den Schädel, ins Gehirn zu führen: das Nadelöhr unserer optischen Wahrnehmung. Dieser blinde Fleck selbst aber ist nicht fähig, optische Reize aufzunehmen. Trifft ein Bild genau auf diesen Fleck – wie im beschriebenen Experiment der linke Punkt – sieht man das Bild nicht. So liegt am Grund der Wahrnehmung ein Fleck der Unsichtbarkeit, der immer da und doch nie ein für allemal zu fixieren ist. Denn bewegen wir unser Auge, bewegt sich der blinde Fleck mit ihm, woanders hin. Wo immer wir etwas klarer sehen, erkennen wir etwas anderes plötzlich nicht mehr.

Auch auf Yves Netzhammers Zeichnungen hat es Punkte, kleine schwarze Punkte, die dem Betrachter zunächst wohl nicht auffallen, weil er zu sehr in Bann geschlagen ist von dem scheinbar Gegenständlichen dieser Bilder, von den Körpern, Dingen und Phänomenen, welche sie angeblich zeigen. Die Punkte aber, oft in der Peripherie des Blattes, könnte man für Andeutungen einer Rahmung halten, ähnlich wie die Druckermarken der Grafiker, die angeben, wie ein Blatt zu beschneiden sei (tatsächlich werden auf den Bilderrahmen, in denen die Zeichnungen dereinst ausgestellt werden sollen, ebenfalls kleine Punkte sein). So schiebt der eilige Betrachter die Punkte aus dem Zentrum seines Interesses, tut so, als gehörten diese Punkte nicht recht zum Bild, als seien sie von anderer, von einer zweiten Natur, weniger wichtig als jene Linien, die sich zu Gestalten formieren. Es ist dies der hilflose Versuch, Netzhammers Bilder aufzuspalten in Ebenen, die hierarchisch zu trennen sind, in Wesentliches und Unwesentliches. «Das hier ist eine Ameise, jenes dort ist bloss ein Punkt» so versuchen wir uns selber einzureden. Doch je länger wir die Bilder betrachten, umso mehr kommen solche Gewissheiten ins Rutschen. Denn der Punkt ist auch ein Loch aus dem die Ameisen vielleicht erst herausgekrabbelt sind und umgekehrt bestehen die Ameisen selbst aus nichts anderem als kleinen schwarze Punkten mit feinen Strichen dran. Und wenn man auf einem anderen Bild die Perforation betrachtet, welche die Nadel des Chirurgen hinterlässt bei jener unverschlossenen Wunde, die anstelle eines Auges im angedeuteten Gesicht klafft, sind dies wiederum nur schwarze Punkte. Die Stiche sind nur runde, schwarze Flecken. Doch im Gegenzug erkennt man alle Punkte auf diesen Bildern unversehens als offene Wunden, die sich infizieren können: Glitschige Öffnungen, wo das eine ins andere schwappt, Inneres ins Äussere, vom Harten ins Weiche, vom Organischen ins Anorganische, Vertrautes in Fremdes. Unheimlich sind diese glitschigen Kippbilder in eben jenem doppeldeutigen Sinne, wie es schon Sigmund Freud dem Wort «unheimlich» attestierte: «Unheimlich ist irgendwie eine Art von heimlich.»

Was gewohnt war, erscheint plötzlich fremd, das Heimische wird un-heimlich.

So scheinen diese Punkte anzudeuten, dass auch Netzhammers Zeichnung Experimente sind, an und mit denen sich blinde Flecken eruieren lassen und veränderte, verschobene Wahrnehmungen erproben. Was wir nie gesehen, selten gedacht, aber vielleicht zuweilen schon gespürt haben, wird hier plötzlich sichtbar: dass ein zugeschnürter Sack auch Fleisch sein kann, ein Arm auch eine Zaunlatte, eine Hand auch ein Huhn, Landschaft auch Haut, Vase oder Wolke. Und umgekehrt. Identitäten lösen sich auf – und das ist umso erstaunlicher, da doch diese Zeichnungen mit ihren scharfen Konturen so exakt, so klar umrissen scheinen.

Damit zwingen uns Yves Netzhammers Bilder, Subjektivität neu zu denken, als eine, die kein fixes Zentrum hat, sondern sich immer neu formiert an immer neuen Orten. Es ist eine nomadische Subjektivität des wandernden Punktes, wie sie der Philosoph Michel Serres beschrieben hat: «Ich schneide mir die Nägel. Wo entscheidet sich das Subjekt? […] Ich versetze mich in den Griff der Schere hinein, das „ich“ befindet sich nun dort und nicht in der Spitze des Zeigefingers. Der Nagel: unbeholfen vor der stählernen Schneide; die Hand: feinnervig und geschickt bei der Ausführung des Schnitts. Das Subjekt linke Hand bearbeitet das Objekt rechter Zeigefinger. Die linke Hand hat teil an mir, ist von Subjektivität durchdrungen; die rechte Hand ist Teil der Welt. Wenn ich die Schere in die andere Hand nehme, verändert sich alles, oder nichts verändert sich.»

Das eigene Selbst, so Serres, verdichtet sich nicht länger in imaginären Zentren, wie Geist, Seele oder dem Herz, sondern kommt zu sich in Punkten im, am und sogar ausserhalb des Leibes. So wie sich das Subjekt in der Beschreibung Serres‘ von der rechten in die linke Hand und von der Hand in die Schere verschiebt, so gelingen Netzhammers Zeichnungen noch viel extremere Verlagerungen, von der Hand nicht nur in die Schere, sondern auch ins Zündholz, in die Treppe, in den Schirm, das Netz, ins Tier. «Singularitäts-Ereignisse»

nennt Gilles Deleuze in seinem Buch Logique du sens diese punktförmigen Erfahrungen, welche all die herkömmlichen Vorstellungen eines begrenzten Ichs überschreiten und ersetzten durch ein Werden, das keine Grenzen kennt und welches Deleuze mit immer neuen Begriffen zu beschreiben suchte: Deterritorialisierung, Ununterscheidbarkeitszonen, Schizophrenie.

Doch so schwierig es ist, dieses Werden zu denken und so absurd es anmutet, wenn man es so plötzlich so wie hier auf Papier gezeichnet vor sich sieht, eigentlich sind uns diese Verlagerungen bestens, ja unheimlich vertraut. Ist es nicht bereits der Fall, dass wir in jene Dinge eingegangen sind, die uns umgeben und sie in uns, so wie der Fernsehproduzent Max Renn, der sich in David Cronenbergs «Videodrome» eine VHS-Kassette in den Leib schiebt und die Gamer aus seinem, auch für Netzhammer so wichtigen Film «eXistenZ», die das Kabel der Konsolen an ihrem Anus anschliessen? Subjektivität ist längst keine innere Angelegenheit mehr – war es vielleicht nie. Wer kennt nicht jenes unangenehme Gefühl, eine defekte Rolltreppe hochsteigen zu müssen: jenen Moment, wo man auf die erste Stufe tritt und unversehens die Beine steif werden, irritiert, ob der ausbleibenden Bewegung. Und in dieser technischen Störung, die sich sofort auch wie eine körperliche Behinderung anfühlt, merken wir erst, wie tief das Rollen der Treppe offenbar bereits in unser Körperwahrnehmung eingegangen ist. Unser Empfinden, unsere Empathie erstreckt sich selbst auf eine solche Mechanik, wie die der Rolltreppe. Und auch sonst verdichtet sich so unser Selbst untentwegt an und in den technischen Dingen, die wir behändigen und sie uns: Das Subjekt formiert sich auch im Touchscreen des Handys, der Computermaus und dem Trackpad des Laptops, manifestiert sich in Klinken, Griffen, Steuerrädern, Knöpfen, Tasten und von da weiter in immer noch ungreifbareren Dingen: im blossen Modell einer Klinke, im schieren Design eines Griffs, im durch den Schalter ausgelösten Signal. Unsere Subjektivität verschiebt sich nicht in Tastaturen und schliesslich weiter auch in die Quellcodes jenseits des Schirms.

Yves Netzhammers lässt uns dieses wahnwitzige Gleiten des Subjektes auf seinen Zeichnungen studieren und bringt dadurch die Wahrnehmung von uns selbst und unserem Verhältnis zu dem, was uns umgibt, unrettbar ins Rutschen. Und dabei sieht alles doch so einfach. Mitunter scheinen nur wenige Striche dem Künstler nötig, vemeintlich unmögliche Transformationen möglich zu machen. Und diese Striche selbst, die der Künstler auf dem Computer zeichnet, sind letztlich allesamt Gaussche Kurven, Kurven also, die wiederum durch nur drei Punkte bestimmt sind, die Anfang, Ende und Krümmung der Kurve definieren. Drei Punkte nur. Doch in jedem Punkt steckt bereits ein vollkommen neues Subjekt, ein Anders-Werden, eine Fülle neuer Wahrnehmungen und zugleich auch – als blinder Fleck – all das, was man nicht sieht, noch nicht. Bis zum nächsten Bild, zum nächsten Punkt.

©Johannes Binotto

[in: Pierre Thomé, Lynn Kost (Hg.): In Bildern denken / Thinking in Pictures, Zürich: Applaus Verlag 2014, S. 169-173.]

(Hier als PDF: Binotto_Punktformiges_denken.pdf)

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