Io sono sempre vista. Das Unheimliche dies- und jenseits des Bildes

In: Till A. Heilmann; Anne von der Heiden, Anna Tuschling: medias in res. Medienkulturwissenschaftliche Positionen. Bielefeld: Transcript 2011, S. 97-111.

sonosempre

[…] Der Hinweis Lacans, dass es sich beim Spiegelstadium weniger um einen einmal vollzogenen Entwicklungsschritt handelt, sondern vielmehr um eine sich wiederholende psychische, ja sogar ontologische Operation, hat beispielsweise Filmtheoretiker darin bestärkt, das Spiegelstadium als Paradigma für die Verführungskraft von Bildern anzusehen. Doch wird bei solcher Verwendung des Lacan’schen Konzeptes regelmässig sein vielleicht Wesentlichstes übersehen: Das Spiegelstadium beschreibt nicht nur die Macht von Bildern, sondern auch die Begrenztheit eben jener Macht, genauer: ihren blinden Fleck. Denn neben Kind und reflektierendem Spiegel gibt es im Setting des Spiegelstadiums eine weitere Position, die gerne unterschlagen wird, jene nämlich des bestätigenden Dritten. Diese dritte Instanz (etwa die Mutter) ist es, die dem fragenden Blick des Kindes antwortet: „Ja, das da im Spiegel bist Du“. Freilich steckt in dieser Bestätigung eine Paradoxie. Würde nämlich das Bild im Spiegel tatsächlich vollständig und eindeutig das Kind repräsentieren, bräuchte es gar nicht erst diese Beglaubigung durch eine dritte Instanz. Das Bild würde dann für sich selber sprechen. Die Bestätigung „Das bist Du“ hingegen überdeckt und markiert genau jene Lücke des Bildes, an dem sich der Zweifel fest macht. Der Zweifel, ob das da im Spiegel tatsächlich man selber ist. Die Bestätigung näht die Lücke des Bildes zu, macht diese aber im gleichen Zug als Nahtstelle, als Narbe wahrnehmbar.

Genau darin liegt gemäss der psychoanalytischen Theorie die identifikatorische Macht von Bildern, oder allgemeiner vom Imaginären: Anstatt das Subjekt restlos zu repräsentieren, lässt es notwendigerweise etwas ausgespart. Identifikation – so möchte man verknappt formulieren – benötigt zwangsläufig ein Stückchen Des-Identifikation, einen Rest an Zweifel, um erst funktionieren zu können. Im Bild (v)erkennt man sich umso besser, wenn ein Rest verdeckt bleibt, der in diesem Verdecken erst annehmbar, erträglich wird. Man nimmt so die Redeweise vom ‚Bild als Medium der Identifikation’ wörtlich. Denn Medien sind exakt das: Schirme, die etwas sichtbar machen, zugleich aber, zwischen mir und diesem etwas eine Schutzdichtung bilden; so wie das Vergrösserungsglas, welches mir ein Ding erst zeigt, zugleich als Glaswand fungiert, die das Ding von meinem Auge trennt.

Was aber geschieht, wenn dieser Rest an Zweifel im Bild getilgt ist, wenn dessen Lücke fehlt? Dann betreten wir das Gebiet des Beängstigenden und Unheimlichen. Die Angst kreist nicht um – so formuliert es Lacan – das ist, wenn der Mangel selbst fehlt. Die Angst ist der Mangel des Mangels. Gerade wo Bilder mich vollständig identifizieren, mich vollständig spiegeln, werden sie zu einer erschreckenden Alterität: das Vertraute wird fremd, die Bilder werden unheimlich.

[…]

 

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