Totalität und Unendlichkeit. Ein Dialog über die Fernsehserie.

gemeinsam mit Michael Pfister, in: Olaf Knellessen, Giaco Schiesser, Daniel Strassberg (Hg.): Serialität. Wissenschaften, Künste, Medien. Wien: Turia+Kant 2015, S. 53-67. ///

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… Im Englischen gibt es den wunderbar schillernden Begriff „closure“, der meint, etwas zum Abschluss zu bringen und mit etwas abschliessen zu können. Diese Folge behandelt besonders explizit die Unmöglichkeit von closure. Der besessene Ex-Polizisten auf seiner unmöglichen Jagd nach etwas, was er eigentlich selbst schon eliminiert hat, ist dabei natürlich ein Zerrbild der beiden Hauptfiguren. Er führt ihnen vor, wo sie selber einmal enden werden, ihr Ende finden werden: eben nicht mit einer closure sondern einem ewigen Getriebensein von den Geistern, die man selber erschaffen hat.
– Die beiden Ermittler in «Miami Vice» machen ja auch von Folge zu Folge die Erfahrung, dass selbst bei korrekter Erfüllung ihres Auftrags die Verbrecher am Ende doch aus irgendwelchen Gründen wieder davonkommen. Die Vergeblichkeit und das Sisyphushafte ihrer Arbeit spiegelt sich hier. Wiederum aber zeigt sich diese Ambivalenz der Unaufhörlichkeit einerseits als Hölle, der man nie entrinnt, und zugleich als Faszinosum. Wiederum mag man an grosse Romane denken, wie etwa Herman Melvilles «Moby Dick» wo die Jagd nach dem Wal eigentlich nie an ein Ende kommen kann. Aber es erinnert mich auch an die Romane des Marquis de Sade und deren Immensität, auch wenn es bei Sade nicht darum geht, einen Verbrecher zur Strecke zu bringen, sondern ganz im Gegenteil um die Aporie des Verbrechers selber, der vergeblich dem grossen Verbrechen nachjagt und dem es nie gelingt, die ultimative Schandtat zu begehen.
– Das erstreckt sich bei Sade ja bis in die Text-Architektur hinein: immer noch weiter gehen, unter jedem Keller noch ein anderer Keller, immer noch ein Schauplatz, hinter den Schauplätzen, hinter jedem Gräuel noch ein weiteres, bis sich die schiere Erschöpfung einstellt.
– Mit dem Orgasmus bricht nichts ab, so könnte man das Sade‘sche Prinzip auf eine Kurzformel bringen, sondern es geht immer weiter. Und hinter jeder Norm, die durchbrochen wird, kann eine neue entstehen, die man dann ihrerseits wieder zu durchbrechen sucht. Auch Romane jüngerer Zeit wie Roberto Bolaños «Die wilden Detektive» oder «2666» leben von diesem Prinzip einer unaufhörlichen Suche. Und davon lebt auch «Miami Vice». Dabei ist es wohl kein Zufall, dass sich mir von dieser Serie besonders die vielen Autofahrten eingeprägt haben, die Aufnahmen der Kamera, die man neben dem sich drehenden Rad des Sportwagens montiert hat
– Dieses Bild ist in der Tat emblematisch für die ganze Serie, weil es ihr Prinzip auf den Punkt bringt: es geht darum, einfach immer weiter zu fahren. Und wiederum ist die Zweischneidigkeit dieses Bildes interessant: die Fahrt ist Sinnbild eines lebendigen Begehrens, das sich nicht befrieden lässt, sondern dass immer weiter drängt. Tatsächlich wollen wir ja auch nicht, dass es zu Ende geht, sondern wir wollen, dass die Figuren weiter fahren und dass es weitergeht. Und es ist denn auch kein Zufall, dass noch die allerletzte Folge von «Miami Vice» genau mit einer solchen Autofahrt endet: die beiden Polizisten Crockett und Tubbs steigen wieder in den Wagen und fahren davon, weg aus Miami an einen neuen Ort, wo sie weitermachen werden. Zugleich aber zeigt sich in diesen vergeblichen Fahrten auch eine neue Form von Tragik, die eben nicht die Tragik des Endes ist, sondern die Tragik des Nicht-Endes, die Tragik des Unendlichen. So werden die Figuren ob dieser unendlichen Fahrt schliesslich selbst zu Zombies, die nie sterben können, sondern wie Untote sinnlos immer weitermachen müssen. Wenn wir es uns überlegen, steckt dieser Widerspruch schon im drehenden Rad selbst: einerseits rollt dank dem Rad das Vehikel vorwärts. Andererseits aber dreht sich das Rad für sich betrachtet, immer nur im Kreise und kommt nicht vom Fleck. Genau das zeigt uns diese Aufnahme in «Miami Vice»: während der Wagen davonbraust, dreht sich sein Rad bloss im Kreise – ein rasender Stillstand…

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