Analyse in Bewegung. Der Videoessay als Zukunft der Filmkritik (?)

Auszug: […] Die Vitalität und Zukunft des Videoessays wird denn auch insgesamt weniger in einer Vereinheitlichung der Verfahren liegen, wie sie etwa in einschlägigen How-to-Anleitungen auf Youtube angeboten werden, sondern darin, wie sehr dieses Format als Labor für ganz unterschiedliche Experimente mit und an Filmen genutzt wird.

Ohne analoge Publizistik keine digitalen Essays

Einig sind sich die Exponentinnen und Exponenten der Szene auch darin, dass der Videoessay sich nicht darin erschöpfen darf, bloss das audiovisuelle Pendant zu einer geschriebenen Analyse oder Filmkritik zu sein, sondern muss etwas genuin Eigenständiges leisten, was sich in dieser Form eben nicht in einem Text sagen lässt.
Damit sollte nicht zuletzt aber auch klar werden, dass der Videoessay gerade nicht einfach das blosse Gegenteil zum schriftlichen Text darstellt (wie man es vielleicht eingangs bei meiner Gegenüberstellung von Schrift und Film hätte denken können). Und so steht der Videoessay denn auch nicht in Konkurrenz zur klassischen Filmpublizistik, sondern erweitert diese vielmehr.
Wer also glaubt, der Videoessay stelle insofern die Zukunft der Filmkritik dar, indem er deren traditionelle Formen obsolet mache, verkennt nicht nur die nach wie vor eminente Bedeutung schriftlicher Filmpublizistik, sondern hat auch von Videoessays wenig Ahnung. Sehr erhellend ist in diesem Zusammenhang der «Nachruf», den Tony Zhou und Taylor Ramos im Dezember 2017 auf ihre gemeinsame Videoessay-Serie «Every Frame a Painting» verfasst haben. Ihren Videoessays, die wie bereits erwähnt mit zu am breitesten rezipierten überhaupt gehörten, wurde zuweilen vorgehalten, allzu stark ein bloss konsumistisches und mithin vereinfachendes Modell des Erklärvideos zu bedienen, das eingehende Beschäftigung abkürzt, anstatt sie anzuregen. Auch dass sie, im Unterschied zu stärker akademisch geprägten Videoessays, auf explizite Bezugnahmen auf filmtheoretische Texte verzichten, schien zu bestätigen, dass es in ihren Videoessays vor allem darum gehe, einen möglichst niederschwelligen und betont nicht-akademischen Zugang zum Kino zu propagieren. Umso bemerkenswerter ist es, wie sehr in dem Nachruf die Bedeutung von klassischer Offline-Recherche betont wird: «A huge percentage of the Internet is the same information, repeated over and over again. This is especially apparent on film websites; they call it aggregation but it’s really just a nicer way to say regurgitation. So go to the library. Read books. We cannot emphasize this enough: read books, read books, read books. Your work is only as good as your research, and the best research tool we have is the public library (or a film archive/research library if you’re lucky)»
Ausgerechnet Zhou und Ramos, die es wie wenige andere verstanden haben, mit ihren populären Videoessays das Online-Konsumverhalten geschickt auszunutzen, machen damit klar, wie sehr gerade das neuartige Format des Videoessays auf traditionellen Formen der Filmkritik aufbaut und wie sehr avancierte Online-Publizistik nach wie vor auf Offline-Recherche angewiesen ist. Anders formuliert: Ohne analoge Zeitschriften und Bücher keine digitalen Videoessays.

Investitionen ins konzeptuelle Denken statt in Software

Bedenkt man sowohl seine Anfänge in den frühen Initiativen der Filmvermittlung, als auch seine andauerende Angewiesenheit auf Offline-Recherche, dann wird schliesslich auch klar, dass der Videoessay nicht nur ein digitales, sondern vielmehr ein hybrides Format darstellt, in dem sich analoge und digitale Techniken des Wissens und Forschens notwendigerweise überkreuzen und ergänzen.
Diese Tatsache müsste auch als Warnung an die Adresse der Kultur- und Bildungspolitik gelten: Will man unter dem Stichwort der Digitalisierung populäre, online-wirksame Formen wie dem Videoessay fördern, dann darf dies nicht auf Kosten traditioneller Filmpublizistik gehen, weil man damit genau jenes Ressourcen kappt, auf das der Videoessay angewiesen ist. […]

> Kompletter Aufsatz als pdf

in: Philipp Brunner, Tereza Fischer, Marius Kuhn (Hg.): Freie Sicht aufs Kino. Filmkritik in der Schweiz. Marburg: Schüren 2019, S. 157-172.

Bild: Still aus dem Videoessay „Über Schreiben. Zu Claire Denis‘ Beau Travail“ von Angelina Hofer, Hemen Heidari und David Bucheli.