Baumeister Kino – Überlegungen zum Film als Raumkunst.

in: Modulor. Magazin für Architektur, Immobilien, Recht 4(2011), S. 24-30 ✺

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… Der Raum ist aus dem Film nicht wegzudenken. Wie könnte es auch anders sein. Denn selbst dort, wo die Kamera sich nur für die Figuren des Films zu interessieren scheint, schleicht sich der Raum immer mit ins Bild, sei es als Umgebung und Abstand zwischen den Akteuren oder sei es auch als blosse Distanz, die zwischen den Schauspielern und dem Objektiv liegt. Diese Distanz, dieser Zwischenraum aber ist konstitutiv, denn würde die Kameralinse unmittelbar auf der Haut des Schauspielers kleben, wäre hinterher auf dem entwickelten Film gar nichts zu erkennen. So zeigt sich der Raum im Film als Schau-Platz im wörtlichen Sinn: Nicht nur, dass er sich zeigt, ermöglicht erst. Dass man überhaupt etwas sehen kann. Obwohl selber so oft übersehen, bildet er in Wahrheit doch erst die unabdingbare Grundlage des Sehens. Diesen Gedankengang macht Jean-Luc Godard mit seinem Film «Le Mépris» klar. Auch hier, scheint sich die Kamera zunächst nur am Körper der Schauspieler zu kleben. Liebst Du meine Füsse, Knöchel, Knie, Schenkel, Brüste, Schultern, das Gesicht, den Mund, die Nase, die Augen und Ohren? So fragt die nackte Brigitte Bardot ihren Mann und die Kamera ertastet dabei den so in Partialobjekte aufgesplitterten Körper. Doch der Gatte erkennt vor lauter Details seine Frau nicht mehr. Die in dieser Szene zelebrierte Nähe und Intimität entpuppt sich als optische Täuschung. Erst wenn die Architektur, in welcher sich die Figuren bewegen, prominenter ins Bild tritt, wird für den Zuschauer sichtbar, wie viel die beiden Menschen in Wahrheit trennt. Die Villa Malaparte auf Capri, in welcher Godard seinen Film spielen lässt, ist dabei nicht bloss eine austauschbare Bühne für die melodramatische Handlung, sondern deren integraler Bestandteil, ihr Katalysator. So wie die Figuren sich in der überwältigenden Architektur verlieren, kommen sich gegenseitig abhanden. Die Vertikalen des Baus, die Fenster- und Turrahmen schieben sich als Schranken zwischen die Liebenden und auf der überdimensionalen Steintreppe, welche zur weiten Dachterasse führt, erfahren die Personen erst, wie verloren sie sind…

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