Beyond Bond: Der Spion im Film zwischen Weltrettung und Selbstzweifel.

Programmheft Stadtkino Basel (Dezember 2012), S. 10-12 ✺

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Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Detektivs. Der Held der Moderne hingegen ist Geheimagent und sein Medium ist der Film. Der Detektiv, das war die literarische Figur par excellence, weil er doch selber nichts anderes machte, als andauernd zu lesen: Spuren, Indizien. Sherlock Holmes konnte noch ganze Fälle lösen, ohne überhaupt aus seinem Sessel aufzustehen – die ideale Identifikationsfigur für Leseratten. Filmisch aber gibt das wenig her. Der Geheimagent hingegen ist immer unterwegs, always on the run, sei‘s auf der Flucht oder auf der Jagd. Mit dem durch seine vorgesetzte Behörde verordneten Bewegungsdrang ist er wie geschaffen für die bewegten Bilder, die ebenfalls nie zur Ruhe kommen mögen. Der Film, welcher mit nur einem Schnitt von London nach Hongkong und von Washington nach Moskau springt, ist des Agenten zweite Natur und die ausgeklügelten Utensilien, die er im Ausrüstungskoffer mit sich führt, stehen letztlich für nichts anderes als das beste Gadget von allen, die Filmtechnik selbst, die alles möglich macht.

Kein Wunder also, dass auch Ian Flemings James Bond erst dann so richtig Furore machte, als er 1962 mit dem Film «Dr. No» vom Roman- zum Leinwandhelden aufstieg. Die tief wurzelnde Affinät des Kinos für Agentenstories hatten da andere freilich schon längst erprobt: Schon 1928 und noch als Stummflim dreht Fritz Lang «Spione» und etabliert dabei bereits eine Unzahl jener Elemente, für die man auch die späteren Bondfilme lieben wird. Haghi, der Oberschurke etwa, ist ein Grössenwahnsinniger im Rollstuhl, mit perversen Gellüsten und die Hände immer an Schaltern und Hebeln, um ausgeklügelten Maschinerien zur Lebensvernichtung zu betätigen – eindeutig die Präfiguration von Bonds ewigem Gegenspieler Ernst Stavro Blofeld und dessen bizarren Welteroberungsfantasien. Alfred Hitchcock, der 1940 mit «Foreign Correspondent» bereits einen cleveren Spionagefilm gedreht hatte, machte 1959 mit «North by Northwest» vor, mit welcher Eleganz in Zukunft das Agentengeschäft zu betreiben sei. Sein Held, der unglückliche Werbfachmann Roger Thornhill wird zwar nur aus Versehen für einen Geheimdienstler gehalten. Doch macht er in der unfreiwilligen Rolle eine bessere Figur als sämtliche Bonds nach ihm. Hier wird demonstriert, wie man noch auf der wildesten Jagd Zeit findet, im luxuriösen Nachtzug mit einer kühlen Blondine ins Bett zu steigen, bevor man schon am nächsten Morgen wieder Kopf und Kragen riskiert, wenn man von einem Flugzeug durch die Wüste gejagt wird. Zwischen den aussergewöhnlichen Bewährungsproben trinkt der vermeintliche Agent Martinis – auch dieser Gewohnheit wird man später wieder begegnen. Kein Wunder hatten die Bond-Produzenten Cary Grant, den Hauptdarsteller von «North by Northwest» zumindest zeitweilig im Visier für die Rolle des 007. Und Alfred Hitchcock – so kam vor kurzem erst zu Tage — wurde von Ian Fleming gar die Verfilmung eines seiner Bond-Stoffes angetragen.

Doch wie James-Bond-Filme nicht zu denken sind, ohne die rasanten Agentenfilme von Hitchcock und Lang, an welche sie sich anlehnen und die sie zuweilen sogar explizit zitieren, so wurden sie selber zum Referenzpunkt für alle späteren Spionagefilme. Dabei verwundert kaum, dass die Verbeugung mit Vorliebe parodistische Züge annimmt, wie im überdrehten «Our Man Flint» oder in Frank Tashlins poppigem «Caprice», mit Doris Day als Agentin, die eine Haarsprayformel entwendet und dabei einem Drogenring auf die Schliche kommt. Schon die Bond-Filme sind mit ihrem zuweilen hanebüchenen Stories Ironisierungen ihrer selbst. Doch wahrscheinlich war das Agentengeschäft schon immer wenig mehr als lächerliche Scharade – das jedenfalls ist die Behauptung von «Our Man From Havana». Da wird ein Staubsaugervertreter im vor-revolutionären Kuba vom englischen Geheimdienst angeworben und aus Mangel an Material zeichnet er kurzerhand die neuesten Modelle in seinem Laden ab und behauptet, es seien Skizzen einer geheimen Raketen-Abschuss-Basis. Die Ironie dabei ist freilich, dass der kreative Pseudo-Agent erkennen muss, dass auch getürkte Vorfälle echte Reaktionen auslösen können. Man wird das ungute Gefühl nicht los, dass auch das reale Treiben der Geheimdienste vielleicht immer nur eine Farce war – grausige Spiele von infantilen Männern.

Noch fundamentaler fällt die Dekonstruktion des Agenten in Philippe de Brocas Meisterstück «Le Magnifique» aus, dieser ebenso klugen, wie brüllend-komischen Persiflage auf alles, was dem Spion lieb ist. De Brocas Superagent Bob Sinclair, immer eine Zyankali-Kapsel im hohlen Zahn und eine Schönheit an der Seite, wird entlarvt als blosses Konstrukt des abgerissenen Schriftstellers François Merlin, der mit den Schundromanen um den Übermenschen seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Dabei wird anhand der Romanfigur durchgearbeitet, was im wahren Leben nicht funktioniert. Lassen die Handwerker einmal mehr auf sich warten, setzt sich der Autor hin und schreibt sie in den neuesten Roman hinein, wo sie gleich von Sinclairs Maschinengewehrsalven niedergemäht werden. Und natürlich ist auch die Nemesis des Agenten, der sadistische Globalverschwörer Karpov keinem geringeren nachgebildet als dem knausrigen Verleger des Schriftstellers. Superagenten wie Bond und Konsorten – so führt de Broca elegant und gewitzt vor – sind nichts als Ersatzfantasien für den verunsicherten Mann. Der Spion ist die strahlende Verkörperung männlicher Neurosen.

Dieser Einsicht in die eigene psychische Versehrtheit können sich denn auch die ernstzunehmenden Agenten immer weniger verschliessen. Für Jason Bourne etwa, den Held der gleichnamige Film-Trilogie besteht die gesamte Agentenmission in der Selbsterfahrung. Angeschossen und seither unter Amnesie leidend versucht er zu ergründen, was ihn zu dieser Kampfmaschine hat werden lassen, als die er sich erfährt. Und was ist mit den Spionen der Zukunft in Christopher Nolans «Inception»? Sie haben ihr Einsatzgebiet endgültig ins Psychische verlegt. Als Neuro-Spezialeinheit schleusen sie sich in die Hirne ihrer Opfer ein, um dort Geheimnisse zu klauen oder gefälschte Erinnerungen einzupflanzen. Als Darstellung psychischer Vorgänge ist das zwar kompletter Unsinn, als Kommentar zum Agentenkino jedoch umso interessanter. Wenn gegen Ende von Nolans Film die Agenten durch eine schneebedeckte Seelenlandschaft schlittern, ist die Assoziation an die Verfolgungsjagden auf Skiern im Bond-Film «On Her Majesty‘s Secret Service» ganz bewusst intendiert. Die Jagd der Agenten rund um den Erdball, so wird einem hier schlagend klar, war immer nur ein verzweifelter Versuch gewesen, sich den Abgründen im eigenen Kopf nicht nähern zu müssen.

©Johannes Binotto

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