Konvergierende Parallelen. Zu den Filmen von Paul Thomas Anderson.

in: Filmbulletin. Kino in Augenhöhe 1.15 (2015) S. 16-23.

PT_Bild

[…]

Es droht, wer all die Faltbilder in Andersons Filmen bemerkt, dabei gerade deren eigentliche Pointe zu übersehen. Denn die Faltbilder sind nie perfekt. Mit gutem Grund. Statt um Balance geht es in Andersons Symmetrien gerade darum, wie die blosse Gegenüberstellung von zwei kongruenten Hälften überwunden, wie das Gleichgewicht zwischen ihnen gestört werden kann. Wie die parallelen Schienenstränge, welche das optische Medium des Films aufeinander zustreben lassen kann, sollen auch die in ihren jeweiligen Bahnen und Bildhälften befangenen Figuren aus dem Lot geraten, um sich so zu begegnen. Die tragikomische Liebesgeschichte «Punch-Drunk Love» führt dies auf Bildebene besonders schlagend vor: Von symmetrischen Einstellungen strotzend wie vielleicht kein anderer von Andersons Filmen, erzählt er doch von einem, der gerade aus dem Gefängnis der Symmetrien ausbrechen möchte. Die Filmbilder aber lassen diese von den Figuren ersehnte Dynamik bereits erahnen. Durchs Weitwinkelobjektiv erscheinen alle Linien gekrümmt. Noch das starrste Raster, so gefilmt, verformt sich optisch und verliert seine Rigidität. Selbst die Wand aus Tiefkühlregalen in Barrys Supermarkt, die uns eine der Szenen zeigt – ein Tableau wie eine Fotografie von Andreas Gursky – kann ob der Verkrümmung durchs Objektiv nicht mehr nur starr wirken. Die rechtwinklige Matrix, nach der diese erstickende Konsumwelt geordnet ist, wird durch die Optik der Kamera verzogen. Die Kamera krümmt den Raum und erzwingt, dass parallele Geraden ihre gleichbleibende Distanz zueinander aufgeben und einander zuzustreben beginnen, so wie dereinst auch die Liebenden, allen Unmöglichkeiten zum trotz, zusammenkommen werden.  […]

Konnte sich in «Magnolia» und «Punch-Drunk Love» das Überkreuzen der Parallelen zumindest momenthaft ereignen, ist in «There Will Be Blood» dieser Konvergierungspunkt endgültig in die Unendlichkeit des Horizonts hinausgeschoben. Glücklich werden die Widersprüche sich hier nie vereinigen, höchstens dereinst kollidieren, mit schrecklicher Gewalt. Der Filmtitel sollte uns warnen.

Die unauflösbare Duplizität des Protagonisten Plainview zeigt sich denn auch nicht zuletzt in seinem Wunsch nach Gemeinschaft und dem gleichzeitigen Hass gegen alle Bindungen. Die Familie, die er sich anschafft, ist gar keine. Der Sohn an seiner Seite ist in Wahrheit ein Findelkind, Hinterbliebener von einem jener Arbeiter, die bei Plainviews Bohrungen ums Leben gekommen sind. Auch dieses Kind, wird dereinst noch weggestossen, weggeschnitten werden. Und als der verschollene Halbbruder bei Plainview auftaucht, keimt bald in ihm der Verdacht, dass dieser andere nur ein Betrüger sein kann. Verwandte darf es nicht geben, Kreuzungspunkte bedeuten Gefahr. Eine Annäherung der Parallelen muss verhindert werden, damit der Treib ungehindert weiter rasen kann, auf seinen Doppelgeleisen. Der Dämon ist in sich gespalten und fährt ganz gut damit. Wenn der Ölbaron die Arbeiter dirigiert, um eine entzündete Ölquelle zu löschen, zeigt die Kamera ihn in Rückenansicht, prazise eingemittet und mit beiden Zeigefingern erhoben wie Teufelshörner: die Figur als zweiseitiges Faltbild, ein Mann wie ein Rohrschachtest, nicht zu deuten – alles symmetrisch und doch passt nichts zusammen.

Am Ende wird der Ölmagnat im Keller seines Anwesens hausen, wo er sich eigens zwei Bowlingbahnen hat einrichten lassen, dahinvegetierend wie ein Tier, das auf dem Boden schläft und aus seinem Napf frisst. Dem letzten Besucher, dem letzten der ihm nahe gekommen ist, auch ihm wird er noch den Schädel einschlagen und als der Butler nach ihm schaut meint er nur «I am finished», ohne sich umzudrehen. Die beiden Bowlingbahnen abe, auf die er starrt, sie beschreiben erneut jene aufeinander zustrebenden Parallelbahnen, die wir bereits vom Anfang des Films kennen. Sind wir wirklich am Ende, finished? Haben wir den Kreuzungspunkt der Parallelen erreicht? Oder bleibt noch immer alles unerreicht? Ist das grausige Spiel aus oder nicht? Auf der einen Bahn sind die Kegel schon gefallen, auf der anderen stehen sie noch. Was gilt?

[…]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s