Übernatürliche Farbe. Zu Technicolor und dessen Ästhetik.

Binotto--Technicolor_Seite_1

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… Der natürliche Eindruck ist nie natürlich. Doch das ist ohnehin die Aporie des Mediums: Statt Leben und Natur mimetisch wiederzugeben, wie dies Kalmus fordert, transformiert der Film sie zuallererst. Dies umso mehr, wo man in Farbe dreht. Schon der basale Aufbau der wuchtigen Technicolor-Kameras macht das klar: in ihr werden drei Filmstreifen gleichzeitig und durch verschiedene Filter belichtet. Die Buntheit dessen, was sich vor dem Objektiv befindet wird so in drei Grundfarben zerlegt. Und erst aus diesen Einzelteilen wird man dann später, substraktiv und gleichsam ex negativo die einstige Vielfarbigkeit wieder zusammenmischen. Das, was am Ende auf der Leinwand strahlt, hat einen langwierigen Umwandlungsprozess hinter sich und entspricht bloss annäherungsweise der Realität. Kommt die Farbe in den Film, so immer nur verwandelt, über- und zersetzt in chemischen Prozessen. Und so sagt denn auch der Name Technicolor mehr, als ihren Erfindern lieb ist: Filmfarbe ist kein natürliches Phänomen, sondern technisches Artefakt. Oder anders und euphorisch formuliert: Technicolor ist nicht natürlich, sondern übernatürlich.

«The Wizard of Oz» führt diese Übernatürlichkeit von Technicolor exemplarisch vor. Wenn das Mädchen Dorothy mitsamt ihrem Haus aus dem tristen Alltag fortgewirbelt wird ins Zauberland ist das auch eine Reise in die unbändige Farbe. Die triste Landschaft von Kansas ist braun monochrom, die Traumwelt aber funkelt bunt, wo die Seen nur Schwimmbecken und die Blumen aus Plastik sind. Assoziert man Grün gemeinhin mit der Natur, so kennt man es hier vornehmlich als Gesichtsfarbe der bösen Hexe des Westens. So wie der Kinozuschauer der Dreissiger Jahre Technicolor als neues Phänomen bewundert, so geht es auch Dorothy in Oz. Auch sie sieht Farbe als das, was sie im und durch das Medium des Films geworden ist: eine wundersame Anomalie. Sie habe noch nie so ein Pferd gesehen, meint sie zu ihrem Kutscher und tatsächlich ändert dessen Gaul von Einstellung zu Einstellung die Farbe, von weiss zu violett, zu rot, zu gelb. Mit dem Ausdruck “a horse of a different colour” bringt man im Amerikanischen einen Irrtum zum Ausdruck: etwas ist ganz anderes, als man es zunächst eingeschätzt hat. Der Film illustriert diese Redewendung gleich doppelt, indem er sie wörtlich nimmt und damit zugleich zeigt, dass auch die Erwartung, mit Farbe nähere sich der Film unserem Alltag an, nur eine Fehleinschätzung war. «Die Filmemacher haben sich auf die Farbe gestürzt, um vom Realismus des Kinos wegzukommen, und nicht um ihn durch realitätsnahe Farben noch zu konsolidieren» sagte Frieda Grafe.
So gesehen ist es denn durchaus sinnig, wenn bis heute ausgerechnet jene Filme unsere Vorstellung von Technicolor prägen, welche sich an die restriktiven Richtlinien der Herstellerfirma nicht gehalten haben.

in: Filmbulletin 6.12. (September 2012) S. 33-39

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