«Alle sind gleich gebaut und rasiert» Interview zu den Mister-Schweiz-Wahlen 2011.

Basler Zeitung, 2. April 2011, S. 43+45
von Andrea Fopp, Emanuel Gisi, Zürich ✺

Heute Abend wird der neue Mister Schweiz gewählt. Wir haben mit einem Anglisten und Kulturwissenschaftler der Universität Zürich, Johannes Binotto, über Männer und Schönheit gesprochen. Der 34-Jährige forscht unter anderem zu männlicher Hysterie.

BaZ: Johannes Binotto, wie finden Sie die diesjährigen Mister-Schweiz-Kandidaten? 

Binotto: Bieder. Es ist auffällig, wie extrem ähnlich sich die Kandidaten alle sind. Auf den offiziellen Fotos tragen alle den gleichen Anzug und sind am selben Ort abgelichtet. Auf dem Gruppenfoto mit Badehose sieht man auch, dass alle ungefähr gleich gebaut und rasiert sind. Das ist eigentlich eine Ästhetik aus der Pornografie.

Fit und rasiert? 

Ja. Und in der Pornografie gibt es auch einen konkreten Grund dafür: Die Rasur ermöglicht bessere Sichtbarkeit. Nur sind sich die Kandidaten wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sie einer Ästhetik aus der Pornografie entsprechen.

Wofür stehen die Mister-Schweiz-Aspiranten denn? Welches Schönheitsideal verkörpern sie?

Es gibt offenbar eine repräsentative Mischung zwischen proper, sauber und nicht zu auffällig. Bei den Muskeln etwa gibt es eine Maximal- und eine Minimalgrenze. Grosse Abweichungen gibt es keine, weder nach oben noch nach unten. Das Spektrum dessen, was noch akzeptabel ist und was nicht, ist sehr eng. Gleichzeitig geht es trotzdem darum, dass jemand zum neuen Mister Schweiz gewählt wird. Aber die Auswahl muss sich an minimalen Details festmachen.

Ausser Luca de Nicola, der fällt auf mit seinen dicken Augenbrauen. Doch ausgerechnet er wurde disqualifiziert, da er keinen Schweizer Pass hat…

Ja, die Augenbrauen werden auch immer betont. Die Botschaft ist dann: «Uiuiui, es ist schon ein bisschen heikel, dass wir den dabeihaben. Aber so mutig sind wir dann doch.» Das ist doch absurd! Dem fehlt ja nicht etwa ein Bein oder ein Auge. Aber bei der Mister-Schweiz-Wahl sind diese Augenbrauen das Maximum an zugelassener Individualität. Deshalb macht man ein Riesen tamtam darum. Die Differenzen werden immer intensiver, nicht extensiver, immer detaillierter, immer mikroskopischer.

Stehen denn alle Schweizerinnen und Schweizer auf denselben Typ Mann?

Nein, das glaube ich nicht. Die Wahl findet in einer bestimmten medialen Nische statt. Sie ist kein Abbild der Gesellschaft. Es zeigt sich vielmehr eine seltsame Vorstellung von Chancengleichheit. Niemand soll bevorteilt werden. Das ist das Paradoxe an dieser Wahl. Eine Wahl ist immer ungerecht, da jemand ausgeschlossen wird, weil der eine dem anderen vorgezogen wird. Und darum sucht man Durchschnittstypen, die den meisten gefallen, und es gewinnt derjenige, der am wenigsten stört. Das ist die mehrheitsfähige Ästhetik.

Das heisst, die Leute finden den Mann auf der Strasse attraktiver als den Mister Schweiz?

Ja. Aber niemand steht für seinen persönlichen Geschmack gerade. Niemand sagt, mir gefällt ein Mann mit Schnauz, einer mit Brusthaar oder ein fester Mann. Eigentlich ist die Frage, was man erotisch findet, eben gerade nicht demokratisierbar, sondern kann nur individuell entschieden werden.

Und darum sind die Kandidaten so langweilig?

Ich will die Kandidaten auch in Schutz nehmen. Die sind mit Sicherheit nicht so langweilig, wie sie erscheinen. Aber das Setting lässt nichts anderes zu. Ihnen wird genau vorgeschrieben, wie sie sich geben müssen. Alle müssen einem Raster entsprechen… Beispielsweise müssen alle Kandidaten einen Steckbrief ausfüllen, in dem sie sich selbst kategorisieren. Alle Kandidaten beschreiben sich da als «spontan und offen», was auch immer das konkret heissen mag. Zudem betonen sie alle, wie fit sie sind, und zählen ihre bevorzugten Sportarten auf. Das wird von ihnen erwartet, deshalb gehen sie ja auch gemeinsam ins Trainingscamp. Ohne Muskeln geht es nicht.

Auch ein Effekt der Pornoästhetik?

Die Sichtbarkeit aus der Pornografie, das Visuelle, ist gekoppelt an die Dauerfitness. Der Mann muss immer potent sein, immer Lust haben.

Können wir von einer Pornografisierung des Mannes sprechen?

Eigentlich ist es eher so, dass wir zu wenig von der Pornografie gelernt haben. Die Pornodarsteller sind nämlich meistens sehr viel intelligenter als wir, die wir ihnen nacheifern. Der Sexdarsteller ist sich vollkommen bewusst: Ich repräsentiere Lust, ich spiele Sex. Der Normalo hingegen glaubt: So wie ich aussehe, so fühle ich mich. Wenn ich muskulös bin oder mich rasiere, habe ich mehr Lust.

Was natürlich ein Trugschluss ist.

Ja. Kein Pornodarsteller kommt auf eine solche Idee. Seine äussere Erscheinung ist ganz einfach seine Arbeitsuniform. Er operiert oder trimmt sich nicht, weil das mehr Lust verschafft, sondern weil es das ist, was Regisseur und Konsument wollen.

Mittlerweile will aber auch der Mainstream Muskeln.

In «Fitness» steckt das Englische «to fit in» – «reinpassen». Wenn also die Männer meinen, «mein besonderer Ausdruck von Individualität ist meine Fitness», so wie das die Mister-Schweiz-Kandidaten suggerieren, ist das ein Widerspruch in sich. Denn eigentlich zeigen sie damit, dass sie sich an die Vorgaben halten. Darum würden wir von den Kandidaten auch keinen auf der Strasse erkennen. Dasselbe gilt für die Ex-Mister. Ausser vielleicht Renzo Blumenthal…

…ja, aber nur, weil er Bauer ist.

Ja, genau! Hier haben wir den nächsten Widerspruch. Zwar sollen alle Kandidaten genau gleich sein, zeitgleich wollen wir aber Authentizität. Bei Blumenthal hat man das Gefühl, der ist echt, der ist noch Bauer.

Alle sollen gleich und trotzdem sie selbst, authentisch sein?

Das Problem ist, dass authentische Identität heute auf den Körper reduziert wird. Der Schein an der Oberfläche reicht nicht, der Körper muss tatsächlich so sein, wie er erscheint. Das hat sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt.

Wie war es denn davor?

In den 80er-Jahren spielte man bewusst mit seiner Erscheinung. Das war die Zeit der Maskeraden, im positiven Sinn. Es ging um das Spiel mit Looks, mit verrückten Kleidern, mit Rollen. Man war mal ein Mann, eine Frau, ein Dandy, ein Clochard. Und allen war klar: Es geht um ein Spiel mit dem wirklichen Ich, das irgendwo verborgen liegt.

Wo ist das Ich heute?

Es wird reduziert auf eine körperliche Identität. Der Unterschied zwischen Erscheinung und der Persönlichkeit wird aufgehoben. Du bist, wie du aussiehst. Das bedeutet auch, dass der Körper entblösst wird. Es reicht nicht mehr, sich zu maskieren. Der Körper muss halten, was die Erscheinung verspricht.

Die körperliche Erscheinung wird mit dem Ich gleichgesetzt und muss deshalb authentisch sein?

Ja, ein Beispiel: Anfang des 20. Jahrhunderts haben Frauen noch Korsetts getragen. Heute haben sie es verschluckt. Der Körper muss die Form haben, auch ohne Korsett. Er wird zum Schauplatz einer unglaublichen Disziplin. Wir haben die Schönheitsnormen dermassen internalisiert, dass wir das Stählen unserer Körper mit unserer Identität verwechseln.

Die Selbstdisziplin wird zu einem entscheidenden Identitätsmerkmal?

Spätestens seit den 60er-Jahren kann man das sagen. Davor war die Welt wohl simpler: Die Gesellschaft schrieb uns vor, wie man zu leben hatte. Die Normen waren klarer definiert. Heute sind wir viel freier. Es gibt eigentlich nur noch eine Forderung an uns: «Sei du selbst.»

Das ist doch etwas Positives!

Nein, es ist ein Riesenstress. Die Ansprüche sind so schwammig. Es gibt keine Autoritäten, die uns vorschreiben, wie wir genau sein müssen. Denn «sich selbst sein» bedeutet für uns, die eigenen Stärken zu erkennen und weiterzuentwickeln. Wenn man in einer Firma angestellt ist, zum Mitarbeitergespräch muss und gefragt wird, wo man sich in einem Jahr sieht, gibt es eine Antwort, die man nicht geben darf…

…am gleichen Punkt wie heute.

Ja, genau. Man muss immer was aus sich machen. Woher kommt das? Vor 100 Jahren hätte man gesagt, ich sehe mich immer noch da, wo ich bin, ich mache das besonders gut und mache es weiterhin gut. Heute heisst es: Du musst dich verwirklichen. Das ist ein riesiger Stress. Denn das hört nie auf. Deshalb arbeitet man ständig an sich selbst, stählt seinen Körper und macht so sichtbar: Ich mache was aus mir. Als Entlastung sucht man sich wieder Normen und Vorgaben, die einem das Glück versprechen.

Zum Beispiel?

So und so fit zu sein, einen Marathon zu schaffen. Diesen Leistungsdruck hat man verinnerlicht. Das sieht man auch bei den Bewerbungen an den Mister-Wahlen. Man braucht gar keine rigide Jury, welche die dicken, alten oder Männer mit krummer Nase rauswirft. Wir haben die Schönheitsnormen so verinnerlicht, dass wir uns selbst von vorneherein ausschliessen, wenn wir ihnen nicht entsprechen.

Weshalb sind denn Schönheitsoperationen so beliebt? Das hat doch nichts mit Authentizität zu tun.

Wichtig ist die Oberfläche. Der Look, der in den 80er-Jahren aufgesetzt wurde, muss heute verfleischlicht werden. Ein Push-up-BH reicht nicht mehr, die Stütze steckt jetzt in der Brust drin, in der Form von Silikon.

In den USA haben zum Beispiel im letzten Jahr die Wadenvergrösserungen bei Männern stark zugenommen.

Das zeigt, dass auch für Männer die äussere Erscheinung immer wichtiger wird. Bei Frauen war das schon immer so. Sie waren leider meistens über ihre Erscheinung, über ihre Schönheit definiert. Beim Mann dagegen zählten vor allem sein beruflicher Erfolg und seine gesellschaftliche Position. Das hat sich geändert. Ein CEO kann nicht mehr einfach nur super im Geschäft sein, er muss über Mittag auch mit den anderen CEOs auf die Rennbahn, zum Joggen. Das ist ein neues Phänomen.

Aber das ist doch gesund. Schon die alten Griechen wussten um die Wichtigkeit von körperlicher Ertüchtigung. Und auch der Marlboro-Man der 60er-Jahre muss fit sein, um sich durch die Prärie zu kämpfen.

Ja, aber dort wurde die Trennung zwischen Körper und Geist expliziter vollzogen, zwischen Erscheinung und Realität. Zwischen Cowboyhut und Identität. Und nach wie vor gibt es auch eine Nische für die Romantik der «echten Männer», das zeigt die Popularität von Renzo Blumenthal oder George Clooney. Man wünscht sich Echtheit.

Aber auch Blumenthal und Clooney sind rasiert. Wo ist denn der gute alte, behaarte Marlboro-Man?

Er wurde domestiziert. Das sieht man am Dreitagebart, der ist wahnsinnig in Mode, allerdings sauber getrimmt. Dieser Schablonenbart zeigt: Hallo, es handelt sich hier schon um einen Mann, er hätte Haare, aber er hat sie im Griff.

Wie die Mister-Kandidaten.

Sie strahlen aus: Ich habe meinen Body selber geformt. Da ist nichts, was nicht unter Kontrolle ist. Meine Haare wuchern nicht irgendwie.

Weshalb ist das so wichtig?

Es geht darum, die Kontrolle zu haben über den eigenen Körper. Ich habe das Gefühl, dass es uns unheimlich geworden ist, wenn etwas aus dem Körperinnern nach aussen dringt. Wir sind ja auch so empfindlich gegenüber Ausscheidungen aller Art, Schweiss zum Beispiel. Das fasziniert mich. Was ist das Problem mit Brusthaaren? Das war ja nicht immer so. Wenn man sich Goldfinger mit Sean Connery aus dem Jahr 1964 anschaut: Wenn James Bond da aus dem Swimmingpool steigt oben ohne, das ist ein Bär! Heute wäre das undenkbar. Heute ist James Bond rasiert.

Haben wir dank unserer pornoästhetischen Körperpflege dafür wenigstens besseren Sex?

Im Gegenteil. Denn auch im Bett hat man die Pornosituation schon dermassen verinnerlicht, beim Sex super fit und super sexy aussehen zu müssen. Statt den Sex zu geniessen, fragen wir uns, ob unser Bauch wohl schwabbelt. Das ist ein Problem. Wenn die Selbstkontrolle überhandnimmt, dann ist man eben gerade nicht so enthemmt und leidenschaftlich.

Haben wir den Sinn für das Spiel, für die Unterscheidung zwischen Suggestion und Realität, vollkommen verloren?

Nicht ganz. Eine Ausnahme ist Lady Gaga. Sie spielt bewusst mit der Differenz zwischen Realität und Erscheinung. Und sie hat einen Riesenerfolg. Wobei ich mich frage, ob das Publikum sich der Ironie bewusst ist.

Ist das schlimm? Brauchen wir das Verständnis für die Ironie? Das Versprechen einer Identität unter der Oberfläche?

Ja, ich glaube, der Mensch, der sich der Spannung zwischen Identität und Erscheinung bewusst ist, ist glücklicher. Der spielt mit seinem Körper und trauert nicht immer einer Einheit zwischen perfektem Körper und Sein nach, die gar nicht realisierbar ist. Der Körper ist ja nie so perfekt, wie man ihn haben will.

Ausser bei den Mister-Schweiz-Kandidaten. Die sind zumindest fast perfekt.

Schönheitswettbewerbe sind sicher nicht der Ort, wo mit diesen Spannungsverhältnissen gespielt wird. Dort wird erzählt: Man kann einfach sein, so sein, wie man aussieht. Ich wünschte mir, dass wir nicht so verbissen Erscheinung und Identität zur Deckung zu bringen versuchen, sondern dass wir wieder mehr mit dieser Spannung spielen.

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