Mirrors, to be continued…

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Gedankenexperiment: Einen Spiegel auf einem anderen Planeten aufstellen. Gross genug, damit wir uns in ihm sehen können. Aufgrund der Entfernung wäre es möglich, dass unser Gesicht noch im Spiegel zu sehen wäre, während wir selber uns bereits umgedreht haben. Ist das nicht eigentlich auch so schon der Fall? Das Bild im Spiegel zeigt uns immer in einem leicht früheren Zustand, als jenem, in dem wir uns tatsächlich befinden. Das Spiegelbild ist immer ein wenig veraltet.

Obwohl zu den alltäglichen Gebrauchsgegenständen gehörend, können wir Spiegel immer noch nicht wirklich verstehen. Das wird einem aufs Neue klar, wenn man vor dem Doppelspiegel der Installation AIRE DE BELLELAY des Künstlerpaares Haus am Gern steht (http://www.abbatialebellelay.ch).

Schon ein Spiegel allein ist verwirrend genug. Wo der Spiegel sich in einem anderen spiegelt, ist der Wahnsinn nah. Zu Beispiel wird es dann möglich, sich selbst von der Seite zu betrachten, als gespiegelte Spiegelung. Die Betrachter, die sich in Bellelay nur schnell in diese Situation begeben und dann rasch wieder gehen, machen es falsch, bzw. vielleicht gerade richtig: sie lassen sich nicht auf den Spiegel ein. Tut man es, wird einem immer schleierhafter, was da eigentlich vor sich geht. So jedenfalls ist es mir gegangen als ich die beiden Essays (über die Spiegelung und deren schwarze Kehrseite) für das Künstlerbuch zur Ausstellung geschrieben habe. Die intensive Beschäftigung hat alles immer nur schwieriger und unverständlicher gemacht. Der Spiegel gehört zu jenen Gegenständen, die nicht klarer, sondern unklarer werden, je länger wir darüber nachdenken. Auch in dieser Hinsicht ist er eine Fortsetzungsmaschine. To be continued…

On/Off: Gone Girl Gone

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By showing as the final image of GONE GIRL a mere variation of its first Fincher also seems to comment on digital cinema as such. Opening and ending can be regarded as a simile of the unstable electronic image which, as Yvonne Spielmann puts it, „is best understood as transformation image“ since it only consists in a constant flow of signals.

It took a whole film for the subtle transformation between opening and final image. The two shots of Rosamund Pike are like one morphing digital image with a refresh rate of 2 hours, 23 minutes and 44 seconds. And what we can say about the disappearing and reappearing female protagonist of Fincher’s crime story may also serve as a paradox motto for the ambivalent digital medium per se:

She was never gone.

She was never here.

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See also: https://schnittstellen.me/vortrag/immanenz-hochauflosend-high-definition-undals-entstellung/

Switching / Birth Control: How to get clipped.

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Im Gespräch mit Michael Pfister: „Die Spannung zwischen dem Nichts, dem Nothing, auf der einen und dem „Don‘t stop believing“ auf der anderen Seite spiegelt sich auch in unserem krampfhaften Versuch, dieses Ende von «The Sopranos» lesen zu können. Wir halten Ausschau nach einer Figur, die wir wiedererkennen, die ein potentieller Mörder sein könnte, und alles, was gezeigt oder gesagt wird, erhält eine allegorische Qualität: Tonys Frau Carmela erwähnt, dass die Tochter die Verhütungsmethode ändert. Und sogleich lässt sich das lesen als Kommentar zum grossen Mafiathema der Familie, der Genealogie. „Birth control“ wird zur Metapher für das, was die Mafia unablässig tut: die eigene Nachfolge kontrollieren, gewährleisten, dass die andere Familie nicht zu mächtig wird. Der Umstand, dass der Schlussong den wir hören, ausgerechnet von jener Band stammt, die „Journey“, also „Reise“ heisst. Oder die Tatsache, dass die Figuren hier zusammen onion rings essen, die besten im ganzen Bundestaat, wie Tony anmerkt: der Ring als Zeichen für das endlose In-sich-Kreisen. Will auch sagen: Wir sind wieder am Ende einer Staffel, eines Zyklus angelangt, wie schon all die Staffeln zuvor. Wieder findet die letzte Szene im Kreis (sic!) der Familie statt. Oder die Tochter Meadow vor dem Diner, die Mühe hat, ihren Wagen zu parken: auch das scheint hochsymbolisch, ein Sinnbild für die Unmöglichkeit, zur Ruhe, zu einer Closure zu kommen, die Lücke zu füllen.“

aus: Totalität und Unendlichkeit. Ein Dialog über die Fernsehserie.

S/M – Simulakrum/Mangel: Peter Stricklands „Duke of Burgundy“ führt den Masochismus auf und vor, zuckend zwischen Ekstase und Ennui.

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Es geht um Unterwerfung. Es geht darum, sich anzubieten. Der Masochismus bietet sich an. Auch und gerade den Bildern. Denn der Masochismus, so schreibt Gilles Deleuze in seinem langen Essay über die Erzählungen Leopold von Sacher-Masochs, ist nicht denkbar ohne den Fetischismus, welcher sich bekanntlich dadurch auszeichnet, dass er die Hüllen und Bilder der eigentliche Sache vorzieht…

Zum vollständigen Artikel: http://wp.me/P5uDNz-il

Vollendete Fragmente: Orson Welles Bildlogik der Zerstückelung.

Piranesi_WellesErinnert Charles Foster Kanes Xanadu unweigerlich an die Bauten, wie sie Giovanni Battista Piranesis in seine „Antichità Romane“ präsentiert, so erscheint das Ende des Films, wenn der Besitz des Zeitungsmagnaten inventarisiert wird, als direktes Zitat jener wahnwitzigen Ansichten der Via Appia, in denen Piranesi die ganze Landschaft mit den Artefakten der Antike überwuchern lässt. Piranesis Ruinen sind übermächtig, gerade in ihrem Trümmerzustand – und so scheinen auch Welles‘ immer wieder auf Puzzlespiele, Explosionen und Zertrümmerung zulaufende Filme gerade in ihrer ausgestellten Fragmentierung gelungen. Das Fragment visuelles Motiv, Thema und zugleich Fluch von Welles‘ Oeuvre ist vielleicht auch sein grosser Erfolg.

Orson Welles: Fragment als Gesamtkunstwerk.
Samstag, 2. Mai. 2015, 18:00, Kino Kunstmuseum Bern (Hodlerstr. 8)

Desire, derailed: Schrader’s The Canyons (2013) – a lesson on the gaze in times of digital distraction

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These shots from the dinner conversation in Paul Schraders „The Canyons“ (USA 2013) – in fact the very first four shots of the whole film (after the credit sequence) – should be enough to prove the film’s yet unacknowledged precision. Four people, seemingly talking to each other. But who is facing who? What shot belongs to which reverse shot? Suture undone. Instead of each other, everyone faces the film machine, with the exception of our dark hero. He faces yet another apparatus: the mobile phone in his hand. Refracted desire.

Giallo, Triebbild

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Für Deleuze ist die Grossaufnahme Treibbild insofern es herausreisst, zerreisst und auseinandernimmt, in Stücke schlägt, die Stücke wegreisst… (Kino 1: Das Bewegungs-Bild, 178-179). Mit Ausnahme von Mario Bava scheint ihn der Giallo nicht interessiert zu haben, dabei macht doch gerade dieser die Logik des Treibbilds zu seinem Prinzip. Formal ebenso wie inhaltlich: Körper werden auseinandergeschnitten, von den blitzenden Messern des Mörders ebenso, wie von den Bildkanten. Hier in der Eröffnungssequenz aus «Cosa avete fatto a Solange?» von Massimo Dallamano (1972). In der deutschen Version «Das Geheimnis der grünen Stecknadeln» wird dieser Augen-Blick noch zusätzlich skandiert und beschnitten, wenn die Einstellung rechts unten als Freeze Frame fixiert wird, über welchem der Vorspann beginnt.

Nachwirkung von: https://jobinotto.wordpress.com/vortrag/triebbilder-zur-poetik-des-giallo/