Andere Schau|Plätze: Zur Chronik von Grieshuus und der Raum des Unheimlichen

5.07.2014, Goethe-Universität Frankfurt a. M.
an der Tagung „Site|Specific: Hans Poelzig – Film|Architektur“ (4.-5.7.2014) ///

(Vollständiges Progamm hier: Poelzig-Tagung) ///

Das Kinoauge sei ein Baumeister, schreibt Dziga Vertov in seinem Manifest KINOKI von 1923. Für die Architekten freilich, bedeutet das wenig Gutes, denkt Vertov doch bei dieser von ihm behaupteten architektonischen Produktivität des Films einzig an die Möglichkeiten, mittels Kameraperspektive und Montage die an verschiedenen Orten der Welt gemachten Aufnahmen zusammenzusetzen zu einem neuen imaginären Raum. Auf dem Schneidetisch lassen sich disparate Aufnahmen zu einer Kammer zusammenbauen, die es so nur im Kino geben kann. Angesichts dieser Möglichkeiten der Montage scheint es geradezu anachronistisch, für dem Film Schauplätze tatsächlich noch realiter als Set zu bauen. Oder salopp gesagt: der Cutter im Schneideraum erspart den Zimmermann.

Die von Hans Poelzig entworfenen Bauten für den Film, insbesondere jene für «Zur Chronik von Grieshuus» bilden indes einen interessanten Sonderfall. Dabei muss angemerkt werden, dass bis heute nicht vollständig geklärt ist, wie weit sich Hans Poelzigs Mitarbeit an dem Film erstreckte und ob sich diese tatsächlich nur auf die Entwürfe der Aussenbauten beschränkte, wie dies der UFA-Verleihkatalog von 1923/24 ausweist. Tatsächlich passt aber diese Unsicherheit, ob Poelzig nun einzig für das Aussen und nicht möglicherweise auch für das Innen dieses Filmes zuständig gewesen war, perfekt zu den Eigenschaften der Architekturen in «Zur Chronik von Grieshuus», nämlich diese fundamentale Unterscheidung zwischen Innerem und Äusseren unentwegt zu verwischen. So verbindet sich hier denn auch das von Vertov favorisierte Prinzip einer architektonischen Montage mit den aufwändig gebauten Sets. Poelzigs Architekturfantasien verlängern sich gleichsam in die Montage hinein und geben dieser vor, wie Inkommensurables zu verbinden sei: das Innen mit dem Aussen, das Natürliche mit dem Künstlichen, das Feste mit dem Zerbrochenen.

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