Masochistisches Ritual als Alltagstrott. The Duke of Burgundy von Peter Strickland.

Filmbulletin 3.15 (2015), S. 24-25. ///

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Es geht um Unterwerfung. Es geht darum, sich anzubieten. Der Masochismus bietet sich an. Auch und gerade den Bildern. Denn der Masochismus, so schreibt Gilles Deleuze in seinem langen Essay über die Erzählungen Leopold von Sacher-Masochs, ist nicht denkbar ohne den Fetischismus, welcher sich bekanntlich dadurch auszeichnet, dass er die Hüllen und Bilder der eigentliche Sache vorzieht. Im Fetischismus gerinnt die Lust zu Posen und Inszenierungen, zu Tableaus, auf denen die Lust gebannt ist, wie die Bewegung auf Fotopapier. „In den Romanen Masochs kulminiert alles Geschehen im Stillstand der Bewegung, im suspense“ heisst es bei Deleuze. Diese Spannung des suspense, der sich nicht zuletzt auch in den schmerzhaften Körperhaltungen zeigt, zu welchen der Masochist sich zwingen lässt, wenn er gefesselt, gestreckt, gekreuzigt wird, diese Spannung ist selber schon ein Bild, in dem sich eine ganze Dynamik der Lust eingeschlossen, ja gefesselt findet. Am Masochismus weidet sich das Auge.

Der britische Regisseur Peter Strickland weiss offenbar nur zu genau, dass die Gewalt des Masochismus vor allem auch Bildgewalt ist und so ist «The Duke of Burgundy», sein schwelgerisches Portrait einer masochistischen Liebesgeschichte, ein wahrhaft opulenter Film geworden, bei dem jedes noch so kleine Detail der Ausstattung mit Bedacht, genauer: mit fetischistischer Lust ausgesucht wurde. Und darum, dass die Details stimmen müssen, geht es auch in der Beziehung zwischen Cynthia und ihrer jüngeren Geliebten Evelyn, wenn letztere den Boden schrubben oder die Höschen ihrer Herrin waschen muss: immer wird etwas vergessen, ein Wäschestück bleibt ungewaschen, was die Herrin sogleich zum Anlass nimmt, ihre Zofe zu züchtigen. Doch natürlich ist die scheinbare Unachtsamkeit selber gerade jenes Detail, das stimmen muss, den Anlass geben muss, für ein genau definiertes, erotisches Ritual. Und es ist Evelyn, die Zofe und nicht etwa ihre angebliche Meisterin, welche dieses Ritual bestimmt. Herrin und Dienerin – das Hierarchie ist in Wahrheit gerade umgekehrt. „War ich zu kalt“ fragt Cynthia denn auch ängstlich, wenn die beiden später in gemeinsame Bett sinken. Dabei ist es doch gerade die Kälte, wie sie die gefrorene Venus im Pelzmantel bei Sacher-Masoch austrahlt, welche begehrt wird. Der Masochistin Evelyn ging denn auch das Spiel noch lange nicht weit genug. Cynthia solle die verletzenden Worte das nächste mal doch gefälligst mit mehr Überzeugung sagen, wird sie sich später beklagen. Und: Die Bestrafung wäre erregender, wenn man nicht vorher extra darum bitten müsste. Die masochistische Unterwerfung ist schmerzhaft, gewiss, doch vielleicht mehr für jene, welche die Dominante zu verkörpern hat. Von Menschen in tatsächlichen S/M-Beziehungen weiss man, welche Disziplin jeweils dem Folterer abverlangt ist. So sind für diesen etwa Alkohol und Drogen tabu. Um sich wirklich dem Rausch der Schmerzen hingeben zu können, braucht es maximale Nüchternheit und Konzentration. Doch eben diese Konzentration wird für Cynthia mehr und mehr zur Belastung. Während Cynthia vor dem Spiegel ihren bösen Text üben, die Perücke richten und in exquisite Dessous steigen muss, klopft Evelyn bereits ungeduldig an die Tür. Und als die Domina, von Rückenschmerzen geplagt, für einmal lieber in ihrem weiten Pyjama, anstelle einer umständlichen Korsage herumläuft, macht ihr das die Zofe schnell zum Vorwurf. Wenn schliesslich die Herrin aus der Rolle fällt, ihren Text nicht mehr sprechen kann und sich weinend vor ihrem Opfer für ihr Versagen entschuldigt, wird man Zeuge der wohl grausamsten Verletzung im ganzen Film. Aufgespiesst wie die Schmetterlinge in den Vitrinen an der Wand, ist die Domina das wahre Opfer dieses Spiels, das sie nur aus Liebe zu ihrer Freundin mitmacht. In ihren Träumen aber sieht sie die Motten davonfliegen, hinaus aus Gefängnis.

Obwohl in einem ganz und gar traumartigen Universum angesiedelt, in der keinerlei Männer existieren – nicht einmal der im Titel erwähnte Duke of Burgundy ist einer, wie man sich im Lexikon überzeugen kann – ist Strickland mit diesem Film zugleich eine absolut universale Studie über das Sexualität in der Partnerschaft gelungen. Wie geht man damit um, den Partner zwar leidenschaftlich zu lieben, seine sexuellen Wünsche aber nicht teilen zu können? An welchem Punkt schlägt Liebesdienst in Selbstverleugnung um? Wie begegnet man den Alterserscheinungen des anderen Körpers? Das aussergewöhnliche Setting ist Schauplatz von ganz allgemeingültigen Fragen. Selbst die Tatsache, dass es sich beim Objekt dieser Studie um ein lesbisches Paar handelt, scheint nicht aussergewöhnlich, so dass hier sogar der Begriff der Homosexualität letztlich verfehlt scheint. Funktioniert dieser noch als Einschränkung und in Abgrenzung zu anderen Sexualitäten, so scheint es im Herrschaftsbereich des „Duke of Burgundy“ überhaupt gar keine anderen als gleichgeschlechtliche Paarformen zu geben. Und auch die Obsessionen sind überall dieselben. Die Nachbarin nur ein Paar Häuser weiter habe sich dasselbe Modell gekauft, meint eine Innendekorateurin beim Verkaufsgespräch für das neue Bett mitsamt integrierter Fesseltruhe. Das masochistische Ritual ist Alltagstrott. So erscheint unter Stricklands Blick das Ausgefallene bald ganz unspektakulär, während er mit seinen exquisiten Bildern zugleich bewusst das Spekulative zelebriert und auskostet. „The Duke of Burgundy“ ist Dekonstruktion und Hommage zugleich.

Schon in seinem Film „Berberian Sound Studio“ hatte Peter Strickland das italienische Horror- und Giallo-Kino der Siebziger Jahre in seine formalen Bestandteile zerlegt und im selben Zug gefeiert und so gelingt ihm auch hier eine verblüffende Kombination aus Pastiche und Neubewertung des erotischen Genrekinos. Der Vorspann mit seiner süsstraurigen Musik und der auf ihrem Fahrrad durch die Landschaft fahrende Evelyn erinnert unweigerlich an die ersten Minuten aus Massimo Dallamanos Giallo „Cosa avete fatto a Solange?“ und die alte Frau, welche den Hof von Cynthias Anwesen wischt, wird von niemand anderem als Monica Swinn gespielt, jener Actrice, die besonders für ihre Rollen in den Softsexfilmen des unlängst verstorbenen Jess Franco bekannt geworden war. In der Tat stand am Anfang von „The Duke of Burgundy“ denn auch die Idee, das Remake eines Jess Franco Films zu machen. Strickland wird dieser Aufgabe gerecht und macht zugleich doch etwas ganz anderes. Wiederholung – mit einem Dreh.

Die Wiederholung, das ist auch der buchstäbliche Dreh- und Angelpunkt der masochistischen Fantasie. In Leopold von Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ dreht sich die Spirale einer unablässig wiederholten Erniedrigung solange, bis auch der Leser nicht mehr weiss, was denn nun gilt. „Ich habe alles nur getan, um deine Phantasie zu erfüllen, nur deinetwegen“ versichert dort Wanda ihren Severin, wenn ihm Spiel zu grausam wird. Doch sobald er sich beruhigt, lacht sie ihn aus und behauptet, ihn auch damit wieder nur zum Narren gehalten zu haben. „Früher träumtest du, der Sklave zu sein, jetzt bildest du dir ein, ein freier Mensch, ein Mann, mein Geliebter zu sein, du Tor!“ Die Schraube dreht sich. Ich erniedrige dich, weil ich dich liebe, erniedrige ich dich, weil ich dich liebe, erniedrige ich dich… Auch „The Duke of Burgundy“ endet wie er angefangen hatte. Wieder fährt die eine zum Haus ihrer Geliebten. Mit der Hand an der Tür schliesst sich der Kreis. Wird nun alles anderes oder bleibt es gleich? Was tut mehr weh?

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