Räume, Gänge, Kammern, Strassen: Das Unheimliche im Film

in: Nicola Mitterer, Hajnalka Nagy (Hg.): Zwischen den Worten. Hinter der Welt
Wissenschaftliche und didaktische Annäherungen an das Unheimliche. Innsbruck, Wien, Bozen: Studien Verlag 2015, 157-172 ///

PDF > Bildschirmfoto 2015-07-30 um 11.29.42

… Die Gegensprechanlage, über welche die Figur mit sich selbst spricht und welche somit Zeit und Raum auf unheimliche Art kurzschließt, wäre mithin freilich auch als Stellvertreter für jenen filmischen Apparat zu verstehen, welche die unmögliche Koinzidenz dessen, was sich eigentlich ausschließen müsste, erst ermöglicht. Die Gegensprechanlage, in der Sender zugleich Empfänger und Hörer zugleich Sprecher ist, ist selber eigentlich nur eine weitere Erscheinung jener Raum und Zeit über- windenden Kino-Maschine, welche bereits Dziga Vertov beschrieben hatte.

Doch geht Lynchs Film auch dann noch weiter und dreht auf dem Möbiusband weiter seine Runde: Die allererste Einstellung des Film zeigte nur den Blick aus einem über nächtliche Highways rasenden Autos und mit diesem Bild wird der Film auch enden, während auf der Tonspur David Bowie sinnigerweise singt: „I’m deranged“.

Der Film beginnt und endet auf jener verlorenen Straße, jenem „lost highway“, von dem der Titel spricht. „Lost“ ist dieser Highway, weil er nirgends hinführen kann. Definiert sich in der euklidischen Geometrie die Gerade als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, so ist diese Straße, auf dem Lynchs Film sich bewegt, eine in sich verdrehte Möbiusschleife, in der man nie woanders, sondern immer nur an die gleiche Stelle zurückkommt, die einem indes bei jeder Wiederbegegnung noch fremder erscheint.

Bernd Herzogenrath hat diesen verlorenen Highway von David Lynch auch mit jenen abwegigen Pfaden zusammengelesen, von denen Lacan im Zusammenhang mit der Psychose spricht (vgl. Herzogenrath 1999). Wo die Hauptstraße fehlt und man gezwungen ist, auf Nebenstraßen auszuweichen, um sich dort mühsam von Schild zu Schild zu bewegen. Lacan schreibt: „Dort wo es nicht die Straße gibt, treten geschriebene Worte auf den Schildern in Erscheinung. Das ist sie vielleicht, die Funktion der verbalen Gehörhalluzinationen unserer [Psychotiker] – das sind die Schilder am Rand ihres kleinen Weges.“ (Lacan 1997, 346) In Lost Highway indes macht es den Anschein, als sei man gar nicht auf stockende Seitenwege geraten, sondern als sei der psychotische Un- und Umweg selbst zum Highway geworden, von dem es keine Ausfahrt mehr geben kann: die Hauptstraße des Unheimlichen.

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