Das revoltierende Fleisch. Foucault, Deleuze, Cronenberg und der menschliche Körper.

StandIn[…]

Wenn also nicht in Form der antiken „Technologien des Selbst“, wie sonst wäre der Gegenentwurf, die Alternative zu dem von Machtdiskursen durchkreuzten Körper zu denken? Kommen wir zurück auf „die Körper, ihre Materialität, ihre Kräfte, ihre Energien, ihre Empfindungen, ihre Lüste“, welche durch ein Sexualdispositiv organisiert werden sollen. Foucault führt weiter aus: „Man muss sich von der Instanz des Sexes frei machen, will man die Mechanismen der Sexualität taktisch umkehren, um die Körper, die Lüste, die Wissen in ihrer Vielfältigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen die Zugriffe der Macht auszuspielen.“

Wovon Foucault hier spricht wird deutlicher, wenn wir es zusammen mit einem Interview lesen, das Foucault im Januar 1976 der Filmzeitschrift cinématographe gab und in welchem er ähnliche Gedanken von einem sich Regulierung und Organisation entziehenden Körper verfolgt: Im Zusammenhang von Werner Schroeters Film Der Tod der Maria Malibran spricht er von einem Körper des wildgewordenen Fleisches:

Die Art, wie man heute im Film mit dem Körper umgeht, ist etwas sehr Neues. (…) Vervielfältigen und Knospentreiben des Körpers (…) eine Anarchisierung des Körpers, in der die Hierarchien, die Verortungen und Benennungen, das Organische, wenn sie so wollen, in Auflösung begriffen sind. (…) Es geht um eine berechnete und zufällige Begegnung der Körper mit der Kamera, die etwas entdeckt, die einen Winkel, ein Volumen oder eine Krümmung aufgehen lässt, die einer Spur oder Linie, vielleicht einer Falte folgt. Und dann des-organisiert sich der Körper plötzlich und wird zur Landschaft, zur Karawane, zu Sturm, Berg, Sand etc.

Es muss darauf hingewiesen werden, wie die in diesem Interview entwickelten Betrachtungen Foucaults zum „des-organisierten Körper“ mit den philosophischen Entwürfen von Gilles Deleuze korrespondieren. Wie Foucault versucht sich gerade auch Deleuze an einen neuen, materielleren und nicht länger codierten Körper heranzutasten. In seiner Arbeit über die Malerei von Francis Bacon, der Logik der Sensation benennt Deleuze die Faszination, die von Bacons Bildern von zerfliessenden Körpern ausgeht, ganz ähnlich wie Foucault: Es ist die Faszination, Zeuge zu werden von einer konsequenten Auflösung von Hierarchien und Codes welche den Körper be- und verdecken: „…das Gesicht ist eine strukturierte räumliche Organisation, die den Kopf überzieht (…) Als Portraitist verfolgt Bacon also ein ganz besonderes Projekt, den Kopf unter dem Gesicht wiederfinden oder auftauchen lassen.“

Doch nicht nur die über den Kopf gelegte Folie des Gesichts ist eine begrenzende Matrix, die abgebaut werden muss, auch das, was darunter liegt, nämlich die Knochen, ist „bloss räumliche Struktur“;  wird auch diese aufgelöst, bleibt einzig „das Fleisch als körperliches Material der Figur.“

Dieses Fleisch, welches als Substrat nach dem Abbau von strukturierenden Codes wieder zum Vorschein kommt, stellt für Deleuze denn auch den Ort dessen dar, was er mit dem Begriff „Tier-Werden“ umschreibt: „Das Fleisch ist der gemeinsame Raum von Mensch und Tier, ihre Ununterscheidbarkeitszone (….) – ein, mit seinem Tier verwachsener Mensch.“

Der mit seinem Tier verwachsene Mensch, der Körper im Zustande des „Tier-Werdens“ – was läge näher, als dies zu vergleichen mit David Cronenbergs Film The Fly, in dem ein Mensch mit einer Fliege zusammenwächst. Und tatsächlich scheint Cronenbergs Film privilegiert, um Foucaults und Deleuzes Körperkonzeption verständlicher zu machen:

Der Wissenschaftler Seth Brundle (Jeff Goldblum) experimentiert mit Teleportation – der Übertragung von Materie von einem Ort zum anderen. Nach einer Reihe von misslungenen Versuchen gelingt es Brundle schliesslich, ein Lebewesen, einen Pavian zu teleportieren. Im darauf anschliessenden Selbstversuch gerät jedoch eine gewöhnliche Stubenfliege mit in die Teleportationskapsel. Der Körper des Wissenschaftlers wird in diesem sogenannten „Telepod“ in seine Atome zerlegt, ebenso wie derjenige der Fliege. Bei der Re-materialisierung schliesslich verschmelzen die Körperatome Brundles mit denen des Insekts. Während der Wissenschaftler zunächst keine Veränderung spürt, wandelt sich sein Körper nach und nach bis er schliesslich zu jenem neuen Wesen wird, das er mangels eines Begriffs einfach Brundlefly nennt.

[…] FORTSETZUNG

Das revoltierende Fleisch. Foucault, Deleuze, Cronenberg und der menschliche Körper. Variations. Literaturzeitschrift der Universität Zürich 8 (2002), S. 85-99.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s